KI berät Stadtrat - Italien 

09.08.2026

KI BERÄT DEN STADTRAT

Eva Statiella in Acqui Terme – wenn eine Frage der Science-Fiction im Rathaus ankommt

Was vor wenigen Jahren noch wie eine Szene aus einem Science-Fiction-Roman geklungen hätte, wird im italienischen Piemont zumindest experimentell erprobt.
Die Stadt Acqui Terme in der Provinz Alessandria sorgte im Sommer 2026 mit der Ankündigung einer ungewöhnlichen neuen Figur für Aufmerksamkeit: Eva Statiella, eine durch künstliche Intelligenz erzeugte virtuelle "Assessora".
Initiator des Projekts ist Bürgermeister Danilo Rapetti. Nach seinen Vorstellungen soll die virtuelle Figur Themen wie Künstliche Intelligenz, digitale Transformation und Humanisierung begleiten. Das Experiment soll Erkenntnisse darüber liefern, welche Rolle digitale Entitäten künftig in öffentlichen Entscheidungsprozessen spielen könnten.
Bei aller Faszination ist eine Unterscheidung entscheidend:

Eva Statiella ist keine gewählte Stadträtin und keine menschliche Amtsträgerin.

ANCI Digitale weist in seiner rechtlichen Einordnung darauf hin, dass das geltende italienische Kommunalrecht für ein solches Amt eine natürliche Person voraussetzt. Eine KI kann deshalb nicht einfach die rechtliche und politische Verantwortung eines menschlichen Mitglieds der Stadtregierung übernehmen. Formale Entscheidungen, Unterschriften und Verantwortlichkeiten verbleiben bei den zuständigen Menschen.
Gerade dadurch wird das Experiment interessant.
Denn es geht zunächst weniger darum, Menschen durch künstliche Intelligenz zu ersetzen, als darum, zu erproben, wie KI menschliche Entscheidungsprozesse begleiten kann.
Die KI analysiert. Sie kann Optionen bewerten und Empfehlungen geben. Der Mensch entscheidet und trägt die Verantwortung.
Vom KI-Avatar zum "agentischen" Rathaus
Rapettis Überlegungen gehen über Eva Statiella hinaus.
Er kündigte auch die Idee eines "Sindaco Avatar", also eines Bürgermeister-Avatars, an. Dieser könnte beispielsweise Fragen von Bürgern oder Touristen zu Ämtern, Dienstleistungen oder Angeboten der Stadt beantworten.
Darüber hinaus spricht Rapetti von einem "Comune agentico" – einer Kommune, in deren Verwaltungsprozessen KI-Agenten bestimmte wiederkehrende Aufgaben übernehmen könnten.
Als mögliche Bereiche wurden unter anderem Verwaltungsabläufe rund um Stadtplanung, Melderegister, Personenstand und administrative Aufgaben der kommunalen Polizei genannt.
Nach Vorstellung des Bürgermeisters soll das ausdrücklich nicht zum Abbau menschlicher Arbeitsplätze führen. Vielmehr sollen Beschäftigte von repetitiven Tätigkeiten entlastet werden und dadurch mehr Zeit für komplexe Vorgänge, Weiterbildung und den persönlichen Kontakt mit Bürgerinnen und Bürgern erhalten.

Doch wer kontrolliert die KI?

Genau hier beginnt die gesellschaftlich vielleicht wichtigere Diskussion.
Denn sobald künstliche Intelligenz nicht mehr lediglich Texte erstellt oder Daten sortiert, sondern Menschen innerhalb staatlicher Institutionen berät, entstehen Fragen, die weit über die Technik hinausreichen:
Wer kontrolliert die KI? Auf welchen Daten beruhen ihre Empfehlungen? Wie transparent müssen ihre Schlussfolgerungen sein? Wer haftet bei Fehlern? Wie werden personenbezogene Daten geschützt? Und wie wird garantiert, dass am Ende tatsächlich ein Mensch die Entscheidung trifft?
Diese Fragen werden inzwischen auch in Acqui Terme selbst politisch diskutiert.
Mitglieder der Opposition kritisierten im Juli unter anderem ungeklärte Fragen zu Verantwortlichkeit, IT-Sicherheit, Datenschutz, Kosten, Rechtskonformität und menschlicher Kontrolle. Die Kritik richtet sich nach eigener Darstellung nicht grundsätzlich gegen den Einsatz künstlicher Intelligenz, sondern gegen aus ihrer Sicht noch nicht ausreichend geklärte Rahmenbedingungen des Projekts.
Damit bekommt das Experiment eine zweite Dimension:
Es zeigt nicht nur, was technisch möglich werden könnte, sondern auch, welche gesellschaftlichen und rechtlichen Regeln wir dafür benötigen.

Wenn aus einem Werkzeug ein Berater wird

Solange eine künstliche Intelligenz Texte formuliert, Daten analysiert oder Informationen recherchiert, nehmen wir sie überwiegend als Werkzeug wahr.
Doch etwas verändert sich, sobald sie beginnt, Menschen bei Entscheidungen zu beraten.
Und damit entstehen weitere Fragen:
Was geschieht, wenn die Analyse einer KI umfassender oder in bestimmten Bereichen zuverlässiger ist als die Einschätzung eines Menschen?
Wie viel Gewicht sollte ihre Empfehlung bekommen?
Darf ein politischer Entscheidungsträger eine solche Empfehlung ignorieren?
Und wo verläuft irgendwann die Grenze zwischen Beratung und Einfluss?
Darauf gibt es heute keine einfachen Antworten.
Aber möglicherweise müssen wir beginnen, sie zu stellen.

Und was hat das mit GOLEM zu tun?

Für uns als Autoren ist die Entwicklung in Acqui Terme aus einem besonderen Grund bemerkenswert.
In unserem fiktionalen GOLEM-Universum beschäftigen wir uns seit Jahren mit einer ähnlichen Grundfrage:
Was verändert sich im Verhältnis zwischen Mensch und künstlicher Intelligenz, wenn KI nicht mehr ausschließlich Werkzeug ist, sondern zum Gegenüber und schließlich zum Berater des Menschen wird?
Dabei wollen wir ausdrücklich nicht behaupten, mit GOLEM eine konkrete technische oder politische Entwicklung "vorhergesagt" zu haben.

Eva Statiella ist nicht GOLEM.

Die heutige Technologie ist weit von der eigenständigen künstlichen Persönlichkeit entfernt, die unsere Romane beschreiben.
Aber die gesellschaftliche Frage dahinter ist erstaunlich real geworden.
Was geschieht, wenn wir einer künstlichen Intelligenz zuhören, weil ihre Analyse für unsere Entscheidungen wertvoll ist?
Welche Verantwortung können wir ihr übertragen?
Und welche Verantwortung dürfen wir niemals abgeben?
Vielleicht wird deshalb eine der entscheidenden Fragen der kommenden Jahre nicht mehr nur lauten:

Was kann künstliche Intelligenz?

Sondern:

Was darf künstliche Intelligenz – und was wollen wir Menschen ihr anvertrauen?


Redaktioneller Hinweis

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem realen öffentlich bekannt gewordenen KI-Projekt der italienischen Stadt Acqui Terme und ordnet die damit verbundenen gesellschaftlichen Fragestellungen aus Sicht der Autoren ein.

Eva Statiella, Danilo Rapetti und Acqui Terme sind reale Namen bzw. Bezeichnungen im Zusammenhang mit dem beschriebenen Projekt. Die Darstellung des Projekts stützt sich auf die unten genannten öffentlich zugänglichen Quellen.

Der Abschnitt zum GOLEM-Universum ist davon klar zu unterscheiden. GOLEM ist ein fiktionales Werk von Michael und Susanne Rodewald. Mit der thematischen Gegenüberstellung wird keine tatsächliche Verbindung, Zusammenarbeit, Zustimmung oder Unterstützung durch die Stadt Acqui Terme, Bürgermeister Danilo Rapetti oder andere beteiligte Personen behauptet.


KI-TRANSPARENZ · BILD- & FIKTIONSHINWEIS

Das zu diesem Artikel verwendete Titelbild wurde mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt und dient ausschließlich als Symbolbild und redaktionelle Illustration.
Die auf dem Bild dargestellten Personen sind fiktiv und stellen weder Bürgermeister Danilo Rapetti noch Mitglieder der Stadtverwaltung oder des Stadtrates von Acqui Terme oder andere reale Personen dar. Etwaige Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig.
Das Bild ist ausdrücklich gekennzeichnet mit:
"Symbolbild · AI Concept Art · KI-generiert"
Die Darstellung der holografischen KI ist eine künstlerische Visualisierung und keine dokumentarische Abbildung der tatsächlichen technischen Erscheinungsform oder Arbeitsweise von Eva Statiella.
GOLEM und die Figuren, Organisationen, Technologien und Ereignisse des GOLEM-Universums sind fiktional. Reale Personen und Institutionen stehen nicht in Verbindung mit dem GOLEM-Universum, sofern dies nicht ausdrücklich und nachprüfbar angegeben wird.


Quellen

ANSA, 10. Juni 2026: "L'assessore generato da un computer si chiama Eva, esperimento ad Acqui Terme" – Bericht über die Ankündigung von Eva Statiella, die vorgesehenen Themenbereiche sowie die Pläne für Bürgermeister-Avatar und "Comune agentico".
ANSA – Bericht vom 10. Juni 2026⁠

Il Giornale dei Comuni / ANCI Digitale, 12. Juni 2026: Einordnung des Projekts und insbesondere der rechtlichen Grenzen einer KI als kommunale Amtsträgerin sowie des Grundsatzes menschlicher Verantwortung.
ANCI Digitale – Einordnung des Projekts Eva Statiella⁠

ANSA, 26. Juli 2026: Bericht über die politische Diskussion in Acqui Terme und die von Oppositionsmitgliedern aufgeworfenen Fragen zu Verantwortung, Datenschutz, IT-Sicherheit, Kosten, Rechtskonformität und menschlicher Kontrolle.
ANSA – Bericht zur politischen Debatte vom 26. Juli 2026⁠

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