Karl Schneider-Amy Bishop

27.02.2019

Frankfurt   -   17. März 2018  (Charaktere aus dem Buch "Die Bitcoinverschwörung")

Podcast  - für den, der sich lieber das Ganze anhören möchte ...

Als Karl Schneider, ehemaliger Faktor 5, am 17. März 2018 nach Frankfurt zurückkehrte, nahm er sich erst einmal ein paar Tage frei.
Alles war grottenschief gelaufen und von den einst so hochfliegenden Plänen war nur noch ein Häufchen Asche übrig. Jetzt musste er auch noch sehen, wo er die Hälfte seines Vermögens herbekam - denn dieser Faktor 1, der dem Projekt Bitcoin im Auftrag Chinas, wie er jetzt wusste, vorgestanden hatte, war tot. Aber, da er der Leiter der Auslandsabteilung der Deutschen Bundesbank war, konnte er über die Kontakte der Bank sicher etwas erreichen. Aber das musste schnell passieren. Denn wie er erst in Marseille erfahren hatte, standen hinter fast allen Faktoren auch die Regierungen. Bedauerlicherweise hatte er nicht daran gedacht, sich so abzusichern. Und es stand die Frage im Raum, nachdem alles aufgeflogen war, was auf ihn zukommen würde. Anklage wegen Hochverrat schien das wahrscheinlichste zu sein. Vermutlich hatte er seine ausbleibende Verhaftung am Flughafen nur den gegenwärtigen, massiven Unruhen zu verdanken. Aber das würde sicher noch kommen, wenn sich alles wieder beruhigt hatte.

Er klappte seinen Laptop auf und begann mit einer Anfrage an den Auslandsektor der ICBC Industrial & Commercial Bank of China, der weltweit größten Bank, dessen Leitung Faktor 1 gewesen war. Bedauerlicherweise war eine fehlgeleitete Überweisung festgestellt worden, die, auch wenn es schon Jahre zurücklag, korrigiert werden musste. Nachdem alle erforderlichen Daten eingegeben waren, konnte er nur noch abwarten. Die Zeit nutzend traf er Vorbereitungen, schnell aus Deutschland zu verschwinden. Da er auch ein Konto in der Schweiz hatte, transferierte er umgehend sein restliches Vermögen. Dann beantragte er noch ein Visum für Amerika, das er aufgrund seiner Stellung schnell erhalten würde, und machte einen Spaziergang. Wo sollte er hin? 
Amy Bishop fiel ihm sofort ein. Sie schien leicht beeindruckbar und stand wohl etwas auf dem Trockenen, so sein Eindruck. Da würde es ihm leicht fallen, eine Tür zu öffnen und so war er fürs Erste gut untergebracht. Gut. Sie musste auch gestern aus Hongkong zurückgekommen sein. Er beschloss, kurz mal durchzurufen und abzutasten, was möglich war. Gesagt, getan und tatsächlich bekam er sie gleich ans Handy.
"Hallo Amy, hier ist Karl", begann er.
"Karl! Was für eine schöne Überraschung. Bist du gut in Frankfurt angekommen?", fragte sie, freudig überrascht. In Marseille hatte er sich freundlich, aber distanziert gegeben. Später waren sie anderen Teams zugeteilt worden und in Hongkong hatten sich kaum noch gesprochen. Er war ein attraktiver Mann, dieser Karl, und sie hatte in den letzten Monaten immer mal an ihn denken müssen. Aber leider hatte sie bisher den Eindruck gehabt, dass er nicht interessiert schien. 
"Amy, hier herrscht aufgrund der ganzen Unruhen ein großes Durcheinander und der Betrieb steht fast still. Ich habe Zeit gehabt, über vieles nachzudenken und ... ja, wie soll ich es sagen: Ich bedauere es wirklich sehr, dass wir beide so wenig Kontakt miteinander hatten."
Oh, dachte sie, angenehm überrascht. "Ja, das fand ich auch sehr schade, Karl. Aber es hat sich irgendwie nicht ergeben, nicht wahr? Es war beängstigende Zeit. Hier sind häufig die Polizeisirenen zu hören und zurzeit bleibe ich erst mal zu Hause, bis sich die Lage auf den Straßen etwas stabilisiert hat. Die Bank hat uns Mitarbeiter noch für eine Woche freigestellt."
"Mmmh", er tat so, als würde er überlegen und sagte dann mit leiser, leicht verlegener Stimme, "mmh, also ... Ich musste in den letzen Tagen oft an dich denken, Amy. Sag mal, was hältst du davon, wenn ich einfach mal ein paar Tage zu dir fliege und wir holen nach, was wir verpasst haben? Ich würde dich sehr gerne näher kennenlernen. Da du die Woche noch frei hast - bei mir ist es genau dasselbe - könnten wir die Zeit doch nutzen."
Amy war im ersten Moment sprachlos. "Wow, die Überraschung ist dir gelungen, Karl! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll..." 
Wie wäre es mit einem einfachen Ja, dachte Schneider ungeduldig. Aber er musste behutsam vorgehen.
"Entschuldige, Amy, es war wohl doch keine so gute Idee. Was musst du von mir denken... die Welt liegt in Schutt und Asche und ..." 
Amy unterbrach ihn schnell: "Nein, nein, so ist das nicht gemeint. Ich dachte nur nicht .... Also, ich freue mich sehr, wenn du kommst!"
"Wunderbar. Gibt es ein nettes Hotel bei dir in der Nähe, bei dem du mir ein Zimmer reservieren könntest? Ich gebe dir nachher durch, wann die nächste Maschine geht. Eine Woche ist schnell vorbei."
"In Ordnung, dann bis nachher", sagte sie und legte auf. Amy merkte, wie sich eine Aufregung und eine Vorfreude in ihr ausbreiteten. Unverhofft kommt doch oft, dachte sie. Anscheinend hatte die ganze Katastrophe etwas in ihm bewirkt. Die Öffentlichkeit war nicht informiert worden, was wirklich passiert war, aber sie und die ganzen, ehemaligen Faktoren sowie die Regierungen wussten es. Den Tag über trällerte sie fröhlich vor sich hin. Vielleicht würde sich ja etwas daraus ergeben? Auch wenn es eine Beziehung über den Kontinent hinweg werden würde - ihr war bewusst, wie sehr sie sich nach einer erfüllenden Beziehung gesehnt hatte, und dann noch mit einem so tollen Mann wie Karl!

Später rief er wieder an: "So, liebe Amy, ich konnte alles sehr schnell regeln. Wozu arbeitet man bei der Bundesbank? Also, ich komme, mit Zeitver­schiebung, dann morgen in Washington, um 7.00 in der Frühe, mit der Lufthansa an." Dann fügte er mit veränderter, leicht sehnsüchtiger, Stimme hinzu: "Holst du mich am Flughafen ab?"
"Aber natürlich", sagte sie erfreut, "dann bis morgen in der Ankunftshalle. Ich freue mich wirklich sehr, Karl. Guten Flug!"

Bestens, dachte Schneider erleichtert, das wäre geschafft. Das Licht am Ende des Tunnels war in Sicht. Er würde diese Frau gut um den Finger wickeln können. Sie hatte, wenn er sich richtig erinnerte, eine gute Figur und war auch sonst ganz passabel, er hätte es schlechter treffen können. Auf diese Weise gut untergebracht, konnte er in Ruhe abwarten, wie sich alles für ihn entwickeln würde. 
Gut. Bis die Bank und die Regierung reagierten, war er außer Landes. An sein Geld in China würde er hoffentlich noch kommen, aber das konnte er auch aus dem Ausland heraus regeln. Alles Notwendige hatte er in seinem Laptop. Und - was brauchte er schon von all diesen Dingen hier? Karl Schneider schaute sich in seiner, sehr modern und luxuriös ausgestatteten, möblierten Penthouse Wohnung um. Letzten Endes war sie seine Visitenkarte gewesen, aber das war anderenorts auch wieder möglich. Da vertraute er auf seinen Instinkt und sein Glück. Er hatte schon immer den richtigen Riecher gehabt, was die satten Gewinne aus seinen Spekulationen bestätigt hatten. Und auch ohne die andere Hälfte seines Vermögens, das noch gebunden in China lag, befand sich genug in der Schweiz, um sich das Leben angenehm zu gestalten. Aber dabei würde es hoffentlich nicht bleiben. Er packte zwei Koffer mit seinen Sachen zusammen. Den Rest stopfte er in Müllsäcke und warf sie in den Müllcontainer. Was er in Zukunft benötigte, würde er sich kaufen, wozu gab es Kreditkarten? Die Kündigung der Wohnung warf er auch noch ein, die Miete war für die drei Monate bezahlt und den Schlüssel schickte er ebenfalls per Post an die Wohnungsgenossenschaft. Falls noch Kosten entstehen sollten, konnten die alles mit der Kaution verrechnen. 
"Adieu Frankfurt, adieu Deutschland", sagte er beschwingt. Mal sehen, was die Zukunft für ihn noch so bereithielt. 


Washington

Amy Bishop wartete aufgeregt in der Ankunftshalle und ... da erschien er endlich. Als sie ihm zuwinkte, kam er ihr strahlend entgegen. Karl war wirklich ein gut aussehender Mann, dachte sie und hielt den Atem an, sehr elegant gekleidet, grau-blaue Augen und braune Haare, in denen sich schon silberne Strähnen abzuzeichnen begannen. Sie merkte plötzlich, wie ihr Herz klopfte und ihre Knie weich wurden. Mein Gott, dachte sie, ich verliebe mich wohl gerade in ihn.
"Liebe Amy, es ist so schön, dich zu sehen", er breitete seine Arme aus, um sie innig auf französische Art zu umarmen. "Mmmh, und du riechst wirklich gut, ein ausgewählt schönes Parfüm, meine Liebe."
Sie sah ihn überwältigt an und sagte stotternd: "Ähm ... ja, es war nicht ganz billig. Schön, dass es dir gefällt. Wie war dein Flug?"
"Gut. Ich bin froh, ein paar Tage dem Chaos in Frankfurt entkommen zu sein. Hier ist es wohl auch nicht viel besser, aber zusammen lässt sich doch alles leichter ertragen, oder?", er lächelte sie an, dass ihr ganz warm wurde. 
"Dann fahren wir doch erst einmal zu deinem Hotel", meinte sie leicht verlegen. Karl musterte sie beim Hinausgehen. Ja, ganz nett, aber unauffällig gekleidet, braune Augen, ein Allerweltsgesicht und hellbraune, zu einem klassischen Dutt hochgesteckte Haare. Nicht so ganz der erotische Typ, aber da ließ sich vielleicht sogar noch etwas daraus machen. In jedem Fall schien sie anzubeißen und gerade war sie etwas errötet, was ihr gut stand. Das ließ sich doch alles gut an, stellte er zufrieden fest. 
Im Hotel angekommen, stellte er seinen Koffer im Zimmer nur ab, drehte sich zu ihr um und sagte: "Wie sieht es aus, gehen wir etwas frühstücken? Darf ich dich einladen?"
Unten gab es ein nettes Restaurant und als sie schließlich ein paar Pancakes mit Syrup und Toast gegessen hatten, den Kaffee vor sich stehend, begann er lächelnd: "Liebe Amy, ich freue mich sehr, dass du dir Zeit genommen hast." Plötzlich rührte er scheinbar verlegen in seinem Kaffee: "Das ist sonst so gar nicht meine Art, weißt du? Ich meine, ich falle ja schon fast mit der Tür ins Haus, oder?" 
Amy sah ihn entzückt an: "Nein, nein. Aber bisher kannte ich dich so gar nicht."
Er rührte weiter im Kaffee und murmelte: "Weißt du, mir ist durch das ganze Drama klar geworden, dass es nur ein Leben gibt. Und man sollte das Glück, wenn es anklopft, nicht einfach weiterziehen lassen. Du hast mir von Anfang an gefallen, liebe Amy, auch wenn ich das nicht so gezeigt habe. Ein Mann braucht eben seine Zeit, um sich über seine Gefühle klar zu werden." 
Karl sah sie jetzt lächelnd an, ergriff zart ihr Hand und sagte leise: "Habe ich denn überhaupt eine Chance?" Amüsiert beobachtete er, wie sie errötete, sie war wirklich lieb und naiv. Er wendete ihre Hand und ließ langsam seine Finger zart über ihre Handinnenfläche zum Handgelenk hochgleiten und sah, wie sie schneller zu atmen begann. Bingo, dachte er, ich habe sie an der Angel. Er ließ sie plötzlich wieder los und meinte traurig: "Ich verstehe, es gibt wohl einen anderen Mann, dem dein Herz gehört. Na, dann lass uns wenigstens..."
"Nein, Karl", sagte sie warm und ausdrucksvoll, "es kommt nur alles ein wenig plötzlich. Und ja, ich habe auch an dich denken müssen. Ich hatte nur den Eindruck, dass du kein Interesse hattest …"
Das überaus charmante Lächeln, das ihn, wie er genau wusste, für Frauen so anziehend machte, erschien wieder auf seinem Gesicht. Er streichelte ihre Hand: "Amy, Amy ... wir haben soviel miteinander erlebt, Lourmarin, Hongkong, Marseille, das schweißt zusammen, meinst du nicht?"
"Ja, Karl", sagte sie leise, seine Berührung jetzt schüchtern erwidernd, "das empfinde ich genauso." Sie sahen sich still an und plötzlich sagte er mit sehnsüchtiger Stimme: "Weißt du, was ich jetzt am liebsten tun würde, liebe Amy?" 
Amy Bishop sah ihn sprachlos an. Ein Traum schien wahr zu werden und sie schmolz nur so dahin. Karl erhob sich lächelnd, setzte sich neben sie, strich zärtlich über ihr Gesicht, um sie dann, mit einer Hand unter ihrem Kinn, sanft zu küssen. Sie schloss die Augen und gab sich dem süßen Genuss hin, bis ihr irgendwann klar wurde, wo sie sich befanden. Entschlossen sagte sie: "Karl, lass uns zu mir fahren. Das ist kein Ort für eine so wunderbare Begegnung. Ich habe eine gemütliche, große Wohnung und auch ein Gästezimmer. Wenn du willst, nehmen wir deine Koffer gleich mit. Ich lade dich ein..." 
"Bist du dir sicher, mein Schatz?", murmelte er, ihr tief in die Augen sehend.
"Ja", flüsterte sie hingerissen.
Karl Schneider, hochzufrieden mit dem, was er erreicht hatte, erhob sich, zahlte und so gingen sie seine Sachen holen.

Seit ein paar Tagen wohnte er nun schon bei ihr und ihre freie Woche neigte sich dem Ende zu. Die ICBC Bank of China hatte ihm die Anfrage bestätigt und nach Rücksprache mit dem Präsidentenbüro war ihm die Überweisung bewilligt worden. So gab er seine Kontodaten durch und alles war erledigt. Was seine derzeitigen Arbeitgeber anging, begann es schon zu rumoren. Schneider hatte sich offiziell krank gemeldet. Dennoch lag ihm jetzt eine E-Mail vor, in der er aufgefordert wurde, im Verlauf der nächsten Woche beim Präsidenten der Deutschen Bundes­bank zu erscheinen. Nach dem ersten Schock hatte er aber mittlerweile erkannt, dass ihm eine Anklage wegen Hochverrats kaum blühen durfte. Wie er jetzt den Zeitungen entnommen hatte, wurde alles totgeschwiegen und die Schuld für das Desaster Sündenböcken in die Schuhe geschoben. Trotzdem würde er nicht ganz davonkommen, das zeigte ihm die E-Mail deutlich. Schlimmstenfalls würde er seinen Job zu verlieren, dachte er nachdenklich. Aber im Grunde passte jetzt alles zusammen. Er würde von sich aus kündigen unter der Bedingung, dass er ein hervorragendes Zeugnis seiner Arbeit bekam und gleichzeitig so dem ganzen, unangenehmen Nachspiel entgehen. Und hier konnte er dann leicht ein neues Leben beginnen. Perfekt. So würde er es machen.
Als Amy vom Bad ins Zimmer zurückkam, lag er entspannt im Bett. "Wollen wir irgendwo einen Kaffee nehmen?" Er lächelte sie nur bedeutungsvoll an und sagte, die Hand verlangend ausstreckend: "Komm her." Als sie sich errötend auf das Bett setzte, zog er sie leidenschaftlich an sich und ließ sie vergessen, dass sie hatten frühstücken gehen wollen.
Am Ende der gemeinsamen Woche saßen sie im Restaurant, als er ihr unerwartet gestand, dass es für ihn die schönste Zeit seit langem gewesen war. Dass die Tage ihm deutlich gemacht hatten, wo seine Prioritäten liegen sollten. Arbeit war wichtig, aber eben auch nicht alles, hatte er gesagt, ihr tief in die Augen sehend. Die Aussicht, nicht mit ihr zusammen sein zu können, sei ihm unerträglich und er habe deshalb darüber nachgedacht, wie er es einrichten konnte, ganz bei ihr zu bleiben. Es war ihm möglich, einen Großteil seiner Arbeit auch hier zu erledigen, aber - wenn sie ihm mit ihren Kontakten helfen würde, hier in den USA einen adäquaten Job zu finden, dann …
Das Leben schien ihr jeden noch so geheimen Wunsch erfüllen zu wollen, dachte Amy Bishop und strahlte ihn heillos verliebt an: "Karl, my love, du weißt nicht, wie glücklich du mich machst!"

Nach ein zwei Wochen hatte die Bundesbank seine Kündigung akzeptiert und ihm sein Zeugnis geschickt. Es war also überstanden. Nun kam der nächste Schritt. 
Amy war ein liebes Mädchen, aber sie schien so gar nichts aus sich machen zu wollen, obwohl sie mehr Potential hatte. Schneider hatte vor, einen glänzenden Eindruck auf dem Parkett zu hinterlassen, auf dem er sich bewegen wollte, da musste sie präsentierbarer werden. Also gab er sich viel Mühe mit ihr: Die Haare, die die Natur ihr üppig mitgegeben hatte, trug sie jetzt, auf sein Anraten hin, offen und sanft gelockt und bei der ausgesuchten Kosmetikerin erhielt sie ein Makeup-Styling, von dem sie hinterher selbst völlig überrascht war, wie gut es ihr stand. Sie schien sich unter seinen Händen regelrecht zu verwandeln. Eine so schöne Frau wie sie hatte es nicht nötig, sich zu verstecken, hatte er erfreut gesagt. Karl wurde auch nicht müde, mit ihr shoppen zu gehen, stellte sie erstaunt fest. Dabei kaufte er für sie sehr elegante, manchmal auch etwas zu aufreizende, Kleidungsstücke, wie sie fand. Von den bisherigen Brauntönen riet er ihr vollkommen ab, sie würden sie blass machen und damit eindeutig ihr Licht unter den Scheffel stellen. So suchte er mit ihr zusammen verschiedene, pfiffige Kostüme aus, Etuikleider in blauen oder schwarz-weißen Tönen, ein schwarzes, kurzes Cocktailkleid, eine rote, tief ausgeschnittene und rückenfreie Abendgarderobe, passend dazu immer ein paar Schuhe mit mehr oder weniger Absatz. Nicht zuletzt überraschte er sie mit einigen, sehr wertvollen Schmuckstücken, die ihre Schönheit nur unterstrichen, wie er lächelnd meinte.

Karl und sie traten jetzt offiziell als Paar auf und er begleitete sie ganz selbstverständlich bei allen gesellschaftlichen Anlässen, die sich in ihrer Funktion als Leiterin des Federal Reserve Departement immer wieder ergaben. Sie bekamen viele Komplimente, was für ein hübsches, elegantes Paar sie doch waren, und wie gut ihr doch diese Beziehung bekam. So präsentierten sich für Schneider genug geschäftliche Gelegenheiten und früher oder später, da war er sicher, würde der richtige Job auf ihn zukommen. Eines Tages war es dann soweit: Er bekam den entscheidenden Tipp und bewarb sich bei der Bank als Investmentbanker. Das Vorstellungsgespräch verlief positiv und schließlich hatte er es geschafft. Abends gingen sie beide feiern und am nächsten Morgen hängte er ihr vor dem Spiegel im Bad ein paar ausgesucht kostbare Ohrringe um. "Für die liebenswerteste Frau der Welt!", hatte er dabei gesagt.

Nur zwei Monate später war es vorbei. 
Als sie eines Tages nach Hause kam, waren alle seine Sachen weg. Sie fand eine hübsch verpackte Schachtel auf dem Couchtisch, in dem sich ein hinreißend schönes Diamant Colliers, das entsprechende Armband und ein paar Ohrringe dazu befanden. Eine sorgfältig ausgesuchte Karte lag dabei, mit nur einem einzigen Wort darauf: "Danke!"
Fassungslos rief sie bei der Bank an und erfuhr, dass er nicht mehr in Washington arbeitete, sondern sich an die Westküste hatte versetzen lassen. Wie benommen hatte sie dagesessen und die Welt nicht mehr verstanden.
Nach einer Woche nahm sie sich schließlich ein paar Tage frei, um nach L.A. zu fliegen. Sie hatte herausgefunden, wo er arbeitete und wartete nun im Foyer auf ihn, um ihn nach der Arbeit abzupassen. 
Die Aufzugtür ging auf und eine atemberaubende Blondine auf High Heels und einem exquisiten, eng anliegenden Markenkleid kam heraus, dicht gefolgt von einem strahlend lächelnden, charmanten Mittvierziger, der ihr nur zu bekannt vorkam. Zutiefst bestürzt beobachtete sie erstarrt, wie die Lady laut auflachte, während Karl sie umfasste und beide eng umschlungen hinausgingen. Amy Bishop verließ die Bank vernichtet, ohne ein einziges Wort zu sagen. Elend stand sie auf dem Bürgersteig und beobachtete aus einiger Entfernung, wie Karl der Augenweide die Tür seines Jaguar Cabriolets öffnete und sie einsteigen ließ. Als sie nebeneinander saßen, überreichte er ihr ein kleines Päckchen, das sie mit einem vielsagenden Lächeln öffnete und ihm dann um den Hals fiel. Als Karl sie dann auch noch leidenschaftlich küsste, bevor er den Wagen anließ und mit ihr davonfuhr, fühlte sie, wie ihr die Tränen die Wangen hinunterrannen. 
"Er ist es nicht wert, Schätzchen", sagte eine freundliche Seele neben ihr, die sie mit einem Taschentusch versorgte. Sie raffte sich auf und kehrte zum Flughafen zurück. Im Flugzeug sitzend starrte sie aus dem Fenster. "Oh, Karl", flüsterte sie schmerzerfüllt, während ihr wieder die Tränen kamen.
"Na, na", sagte eine Stimme neben ihr, "wer hat Ihnen denn das Herz gebrochen?" Die angebotenen Taschentücher gerne annehmend erzählte sie, immer wieder unterbrochen von reichlich fließenden Tränen, schluchzend ihre Geschichte. Ihr Sitznachbar hörte ihr ruhig und anteilnehmend zu und zauberte sogar ein trauriges Lächeln auf die Lippen, als er sagte: "Was für ein Schuft. Eine hübsche Lady wie sie sollte man nicht so behandeln!"
Irgendwann nickte sie erschöpft ein und wachte erst auf, als das Flugzeug zur Landung ansetzte. Amy nahm war, dass sie sich wohl in ihrem Kummer unbewusst an die Schulter ihres Nachbarn gekuschelt hatte, der sanft den Arm um sie gelegt hatte. "Oh", murmelte sie verlegen, "es tut mir leid …"
"Nein, nein", sagte er schmunzelnd, während er seinen Arm wieder zurückzog. "Ich habe Ihnen gern ein wenig beigestanden. Und, geht es wieder?"
Amy sah einen jugendlich wirkenden Geschäftsmann Ende dreißig vor sich, der sie aus braunen Augen warm anlächelte. Immer noch etwas beschämt sagte sie: "Was müssen Sie von mir denken, ich hoffe, ich habe Ihnen nicht den Anzug ruiniert?"
"Kommen Sie", meinte er abwinkend, "das ist nichts. Nach allem, was Sie erlebt haben, ist das doch kein Wunder. Aber es ist nicht jeder so ein Mistkerl, glauben Sie mir. Eine so bezaubernde Frau wie Sie hat jemand besseren verdient."
Unwillkürlich lächelte sie, den Wunsch verspürend, sich wieder an ihn zu lehnen.
"So ist es schon besser", meinte er zufrieden und begleitete sie aus dem Flugzeug. Auf dem Weg zum Taxi erzählte er ihr, dass er hier in Washington eine kleine Firma hatte und bei einem potentiellen Kunden in L.A. gewesen war. Dabei hatte er auch seine kleine Tochter besucht, die mit seiner Ex-Frau ebenfalls dort wohnte. Bevor sie ins Taxi einstieg, gab er ihr noch seine Visitenkarte und sagte: "Rufen Sie mich an, wenn es Ihnen wieder besser geht. Ich würde mich sehr freuen."

Nachdem sie sich einige Wochen innerlich komplett zurückgezogen hatte, begann sie endlich nachzuforschen und langsam wurde ihr klar, was tatsächlich gelaufen war. Karl hatte ihre Sehnsucht geschickt für sich ausgenutzt - allerdings hatte er ihr auch viel gegeben. Als sie sich das irgendwann eingestehen konnte, ging es allmählich wieder bergauf. Schneider hatte Glanz in ihr Leben gebracht und sie beschloss, diese Erfahrung zu nutzen und nach vorne zu schauen. 
Die Visitenkarte, die sie damals in ihrem Kummer nicht weggeworfen, sondern vor dem Spiegel im Badezimmer aufgestellt hatte, schien ihr zuzulächeln. Sie sah sie jetzt unwillkürlich öfter an und entschied, dass sie in der kommenden Woche einfach mal durchklingeln würde. 


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