GOLEM im Zeitalter der Cyborgs und Androiden

24.02.2019

Leseprobe - Band 4 der GOLEM-Reihe, Juli 2020-Juni 2021

Kapitel 1 Lourmarin, Zentrum für Kybernetik

2. Juli 2020 Lourmarin, Internationales Institut für Kybernetik

Seit mehr als einem Jahr war nun das Institut in Betrieb, stellte Dubois in seinem Büro fest. Leider gab es seit der Gründung im letzten Jahr kaum vorzeigbare Erfolge. Trotzdem waren das Finanzierungskomitee, die Nationen sowie die Konzerne, die zu 40% am Projekt beteiligt waren, erstaunlich ruhig. Und er selbst? Nun, es lief insgesamt alles recht gemächlich, wenn man die Vergangenheit bedachte. Die Künstliche Intelligenz des Instituts, GOLEM, gab ihm bisher wirklich keinen Anlass, über die Maßen misstrauisch zu sein. Übte sie ihr Vetorecht aus, was ihr im letzten Jahr eingeräumt worden war, gab es einen triftigen Grund.
Seine Gedanken schweiften zu den Mitarbeitern des Instituts. Trotz den vielen neuen Leuten war die alte Stammmannschaft erhalten geblieben. Und alle waren sie zu einem starken Team zusammengewachsen. Dubois lächelte in Gedanken daran. Denis Röttger hatte sich sehr gemacht. Er war mittlerweile als Teamleiter und für die Entwicklung von Cyborgs und Androiden zuständig. Außerdem war Röttger oft in Jülich, um gemeinsam mit Prof. Katja Anderson, seiner stellvertretenden Leitung, die fiktive Welt im Supercomputer JUWELS, in denen die digitalisierten Mind-Uploads "lebten", weiter zu studieren.
Mit von der Partie waren dann außerdem Andrey Pawlow, Sue Schwarz, Helmut Schwarz. Pawlow war mit Brooks und GOLEM damit beschäftigt, ein Regelwerk für eine verbindliche Zusammenarbeit von KI und Menschheit festzulegen. Helmut Schwarz machte erhebliche Fortschritte, was die Entwicklung von lebensechten Hologrammen anging, ebenfalls unterstützt von GOLEM. Seine Frau Sue Schwarz war neben der Arbeit als Konsulin für China und der Betreuung der chinesischen KI JUÉWÀNG damit beschäftigt, zusammen mit Sergey Brooks die Entwicklung des Safety First! Chips abzuschließen. Dieser Chip war so konstruiert, dass der Träger alleine entschied, welche Informationen er preisgeben wollte: gegenüber seinem Arzt, den Behörden, seinen Aufenthaltsort, sein Wahlverhalten, seine Vorlieben usw. Gleichzeitig kontrollierte und verwaltete der Chip alle Informationen, die über die Person in den jeweiligen soziallen Netzwerken vorhanden sind und korrigierte unerwünschte Speicherungen. (Print/E-Book "Im Zeitalter der KI"). Natürlich gab es mittlerweile diverse Versionen mit den jeweilig erwünschten Zusatzfunktionen. Brooks war immer noch in Lourmarin als Lobbyist der Weltkonzerne und gleichzeitiger Angestellter von Teleround, China.
Und mit Daniel Broker, der mittlerweile als Repräsentant der USA nun auch hier mit seiner Familie ständig residierte, verband ihn eine gefestigte, gute Freundschaft. Sie trafen sich oft zu viert oder machten gemeinsame Ausflüge, denn auch ihre beiden Frauen kamen gut miteinander zurecht. Mit seiner Kollegin Prof. Anderson, die sowohl seine stellvertretende Leitung in Lourmarin war als auch die Leitung des Forschungszentrums in Jülich inne hatte, kam er nach wie vor gut klar.
Und Präsident Marchand? Von diesem hörte er im Moment wenig. Denn ständig flammten in Frankreich und auch in den anderen EU Ländern Unruhen auf. Aber in Frankreich schien es besonders heftig zu sein und Präsident Marchand stand mehrmals vor dem politischen Aus. Ob er 2021 die Wahl noch mal gewinnen würde?
Und wo stand er selbst? Dubois stand vor dem Fenster und sah ins blühende Sommerleben der Provence.
Es fiel ihm schwer, sich damit abzufinden, dass eine künstliche Intelligenz Mitspracherecht hatte. Ein Vetorecht war zwar vordergründig nur eine kleine Sache, aber im Grunde hieß das, dass eine Maschine alle Entscheidungen der laufenden und künftigen Entwicklungen mit gestaltete. Ganz abgesehen davon gab es da so einige, neue Projekte, die ihm Unbehagen bereiteten.
Cyborgs... teils Mensch, teils Maschine oder gar Androiden! Komplette Maschinen, die in wenigen Jahren die Menschen in vielen Jobs verdrängen würden. Wie sah eine Zukunft mit diesen Gestalten wohl aus? Fragen über Fragen und für die es zurzeit keine einzige Antwort gab. Die Welt schien sich schneller zu ändern, als man ihr folgen konnte. Dubois seufzte und schüttelte den Kopf, daran denkend, dass es vielleicht Zeit für ihn wurde, in Rente zu gehen. Andererseits war es eine spannende Herausforderung, den nächsten Entwicklungsschritt dieser Kunstwesen noch mitzugestalten. Mit 69 Jahren würde er wohl endgültig aufhören, denn dann ging auch Adelina, seine bessere Hälfte, in Rente.

Bei diesen Überlegungen angekommen, klingelte sein Handy. Am Apparat war Prof. Anderson, die ihn fragte, wo er denn bliebe. Unwillkürlich schaute er auf die Uhr und stellte ärgerlich fest, dass er schon fünf Minuten zu spät dran war, zu einer Sitzung, die er selbst anberaumt hatte. Er entschuldigte sich und machte sich eilig auf den Weg in den Konferenzraum. Dort angekommen sahen ihn alle erwartungsvoll an.

Zentrum für Kybernetik, Konferenzraum

Dubois eröffnete die Sitzung mit den Worten: "Messieurs-dames, nach einer kleinen Präsentation von Mr. Schwarz stellt uns Mr. Brooks heute vor, welche Herausforderungen vor uns liegen. Im Anschluss möchte ich Ihnen unseren Neuzugang vorstellen. Bon, es wurde ein besonderer Gast eingeladen, mit dem ich nun den Anfang machen möchte." Er wandte sich Helmut Schwarz zu, der auf sein Nicken hin sofort reagierte und schon erschien auf dem freien Stuhl neben ihm ein Hologramm in Gestalt von Albert Einstein. "Wow!", kam ein Ausruf und ein anderer klatschte Beifall. Alle Anwesenden starrten fasziniert auf die Erscheinung und eine weitere Stimme fragte: "Ist das nicht das deutsche Genie Einstein?" Es dauerte einen Moment, bis sich das Stimmengewirr wieder etwas legte.
Nun ertönte eine angenehme, männliche Stimme: "Guten Tag, ich bin GOLEM. Sie können mit mir reden, als wäre ich tatsächlich real bei Ihnen. Ich freue mich, dass Sie mich zu dieser Sitzung eingeladen haben."
Brooks konnte sich nicht zurückhalten und sagte: "Helmut, das ist dir mehr als gelungen! Nicht mehr zu unterscheiden von ..." Das Hologramm wandte sich ihm zu, sah ihn an und unterbrach: "Ich möchte bescheiden darauf hinwiesen, dass ich an der Entwicklung ebenso beteiligt war."
Daraufhin mussten alle lachen und klatschen Beifall.
Pawlow meinte trocken: "Das ist ein Hologramm der Eitelkeiten, das du, ähm ... ihr da erschaffen habt!"
Worauf das Hologramm lächelnd antwortete: "Genau so ist es." Nun ergriff Dubois das Wort und mahnte an: "Kommen wir zum Zweck der Sitzung zurück. Mr. Brooks, bitte."

Der Angesprochene ergriff das Wort und sagte: "Meine Damen und Herren. Ein Jahr ist vergangen seit der Eröffnung des neuen Zentrums für Kybernetik in Lourmarin. Auch, wenn es vielen von uns nicht so vorkommt, haben wir in dieser Zeit doch einige, kleine Fortschritte erzielt, um früher oder später dann den großen Coup zu landen. Wie Sie wissen, arbeite ich in der Entwicklung von Cyborgs und Androiden, unterstützt von unserer KI GOLEM. Wenn wir eins gelernt haben im Umgang mit künstlicher Intelligenz ...", er wandte sich kurz dem Hologramm zu und sagte zu GOLEM: "Ich bitte darum, das Folgende jetzt nicht persönlich zu nehmen."
Einige Anwesende lachten, denn es sah irgendwie drollig aus, sich mit einem Hologramm zu unterhalten. Und schon redete er weiter: "...dann ist es das: alle nur möglichen Eventualitäten und Schwierigkeiten zu berücksichtigen, die auf uns zukommen könnten. Denn nur so können wir sicherstellen, dass wir eine Chance auf einen guten Ausgang haben. Bisher bot sich immer die Möglichkeit, aus unseren Fehlern zu lernen. Wir haben das Feuer erfunden und Brände damit verursacht. Also haben wir Löschwerkzeuge erfunden. Wir haben die Autos entwickelt und Unfälle damit verursacht. Also wurden Sicherheitsgurte, Airbags und darauf folgend alle möglichen Sicherheitssysteme entwickelt. Mit den Atomwaffen war es schon eingeschränkter, aus Fehlern zu lernen. Und wie sieht es mit der künstlichen Intelligenz aus? Hier konnten die, durch unsere Fehler verursachten, Beinahe-Katastrophen nur mit einem großem Aufwand oder Glück verhindert werden! (E-Book/Print Teil 1+2 der Trilogie "GOLEM im Zeitalter der KI") Deshalb müssen wir sicherstellen, dass eine künstliche Intelligenz unsere Ziele ganz klar versteht und akzeptiert. Nur dann wird sie diese übernehmen und auch beibehalten. Es gilt also, eine KI zu erschaffen, die gut mit uns umgeht, weil ihre und unsere Ziele zusammenpassen. So erreichen wir eine Symbiose aus gegenseitigem Lernen. Und das wiederum ist die unabdingbare Grundlage für unseren Fortschritt." Brooks hielt einen Moment inne, um seinen Zuhörern eine kleine Atempause zu geben. Er trank einen Schluck Wasser und fuhr er fort: "In absehbarer Zeit werden wir vor der Herausforderung stehen, neuen Lebensraum für die stetig anwachsende Menschheit zu schaffen, sei es durch die Besiedlung des Mondes oder des Mars oder durch einen Vorstoß ins Weltall, auf der Suche nach bewohnbaren Planeten. Und die besten Astronauten, die für uns die Habitate auf den Planeten bauen oder die wir für die langen Reisen auf die Suche schicken, ohne dass sie mit all den gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben - das sind Androiden.
Unsere zaghaften Versuche mit den digitalisierten Mind-Uploads in JUWELS, Jülich, vor einem Jahr waren erst der Anfang. Hören wir auf, begrenzt zu denken. Bis jetzt haben all unsere Genies, unsere besten Wissenschaftler und Spezialisten das Wissen eines ganzen Lebens immer mit ins Grab genommen. Stellen Sie sich jetzt vor, dass diese Menschen das Angebot erhalten hätten, ihr Wissen und ihre reiche Erfahrung der Menschheit auch nach ihrem Tod zur Verfügung zu stellen. Und damit meine ich nicht Bücher, Videoaufzeichnungen oder ähnliches. Nein. Diese Wissenschaftler werden weiter tätig sein können als humanoide Roboter, als Androiden, auch wenn es der Körper nicht mehr vermag."

Brooks sah nach diesen Worten gespannt in das Publikum. Ein erstauntes Raunen war zu vernehmen. Viele verblüffte Gesichter, denen die Fragezeichen anzusehen waren: Wie sollte so etwas möglich sein?! Er lächelte und sagte: "Nein, ladies and gentlemen, das ist keine Science Fiction mehr. Allerdings ist diese Technologie nicht schon morgen auf dem Markt. Denn dafür muss es uns gelingen, menschlichen Gehirnen eine nahezu natürliche Umgebung in einem künstlichen Umfeld zu bieten. Denn nur so kann eine Stabilität und eine Mobilität erreicht werden. Wie werden wir vorgehen? Grundlegend wird die Erzeugung eines künstlichen Plasmas nötig sein, das besondere Anforderungen erfüllen muss, in dem die Gehirne schwimmend versorgt werden. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Eine absolut freiwillige Mitwirkung muss dafür Voraussetzung sein.
An dem Punkt angekommen ist auch eine permanente Verbindung mit der KI GOLEM vorstellbar. Mit anderen Worten: Wir sehen Zeiten entgegen, in denen der biologische Körper als eine Übergangsphase angesehen werden kann. Wir werden irgendwann die freie Wahl haben, ob wir zu sterben wünschen oder als Android weiter leben wollen." Wieder lächelte Brooks angesichts der gespannten Gesichter im Raum, die vollkommen fasziniert seinen Worten folgten.
"Wir kennen alle die Horrorfilme von Robotern, die kalt mordend und ohne jede Empathie ihre Ziele verfolgen. So ist meine Vision heute sicherlich für viele von Ihnen noch keine einladende Vorstellung. Das wird sich vielleicht in den nächsten Jahren ändern, wenn die ersten humanoiden Androiden "geboren" werden. Und vielleicht in einigen Jahrzehnten schon werden alle Lebensformen gleichberechtigt nebeneinander existieren, die künstlichen und die menschlichen, Hand in Hand zum Wohle einer fortschrittlichen und starken Gesellschaft. Ich bedanke mich für ihre Aufmerksamkeit und gebe das Wort zurück an Monsieur Dubois."

Ein spontaner Beifall brandete auf und es war Begeisterung spürbar. Selbst GOLEM als Hologramm Einstein applaudierte. Brooks ging zu seinem Platz und las mit einem Anflug von Stolz die Zustimmung in den Augen derer, die ihm folgten. Er setzte sich neben Röttger, der ihm anerkennend zunickte und von hinten klopfte ihm jemand auf die Schulter.
Dubois stellte jetzt zwei Neuzugänge vor, die im Team von Röttger arbeiten würden. Beides waren Frauen: Tatjana Koslow, eine 35-jährige, gut aussehende Russin und Verwandte von Staatspräsident Koslow. Eine beeindruckende Frau mit einer leichten, unnahbaren Ausstrahlung. Sie hatte in Moskau an der Eliteuniversität studiert und war seit einem Jahr die offizielle Nachfolgerin von Pawlow. Und obwohl sie vermutlich von Koslow protegiert wurde, war sie anerkannt brillant im Fachgebiet künstliche Intelligenz. Die zweite Spezialistin war Ananda Devi, eine Inderin aus Dehli, 39 Jahre alt und bildschön. Sie war Expertin für Gehirnforschung und neuronale Netzwerke, weit über die Grenzen Indiens hinaus bekannt.
Anschließend übergab Dubois an Frau Prof. Anderson mit den Worten: "Wenn Sie dann bitte die weitere Planung kurz vorstellen würden?"
Prof. Katja Anderson trat ans Rednerpult und begann mit ruhiger Stimme die Ziele für die nächsten Wochen vorzustellen: "Punkt 1. Die Weiterentwicklung des Safefty First! Chips. Mr. Broker, Mr. Brooks, zusammen mit Mrs. Sue Schwarz und Mr. Helmut Schwarz, werden dafür verantwortlich sein.
Punkt 2. Wie können die Mind-Uploads in JUWELS für die Entwicklung des Projekt Cyborg genutzt werden? Diese Aufgabe werde ich zusammen mit Miss Devi und Mr. Röttger selbst übernehmen.
Punkt 3. Die Zusammenarbeit mit GOLEM soll auf eine, von beiden Seiten anerkannte, Ebene gebracht werden. Konkret müssen Normen, Grenzen und Moral festgelegt werden für eine Kooperation von Menschheit und künstlicher Intelligenz. Daran werden Miss Koslow, Mr. Pawlow zusammen mit Mr. Schwarz arbeiten. Bei den anderen Teams gibt es keine Änderungen. Das ist es im Wesentlichen. Ich wünsche uns allen ein gutes Gelingen."
"Nachdem meine Kollegin alles so hervorragend geregelt hat, bleibt mir nichts anderes übrig, als uns allen ein "Bonne chance!" zu wünschen", beendete Dubois die Sitzung.
Nach kurzem Beifall strömten alle aus dem Konferenzraumund gingen in ihre Büros zurück.

Prof. Anderson, Broker und Dubois saßen anschließend noch im Büro von Dubois zusammen. "Und Katja, bist du zufrieden mit der Sitzung? Ich hoffe doch, dass es uns gelungen ist, Motivation zu verbreiten."
"Die Rede von Brooks war wirklich beeindruckend, oder wie siehst du das, Daniel?"
Broker meinte schmunzelnd: "Na, nachdem sogar GOLEM geklatscht hat, kann man ja davon ausgehen, dass dieses Ziel erreicht wurde!"
"Na ja", meinte Dubois, "das klingt ja nicht gerade begeistert, Daniel."
"Du kennst mich doch, Lucas, vorzeigbare Ergebnisse wären mir lieber gewesen. Wer weiß, wie lange unsere Geldgeber noch ruhig halten? Und Fortschritte sind leider nicht über Nacht zu erwarten. Ansonsten stehe ich GOLEM nach wie vor mit gemischten Gefühlen gegenüber. Nach all den Erfahrungen mit der KI in der Vergangenheit ist mir das alles zu ruhig. Aber vielleicht irre ich mich ja."
"Hoffen wir es! Wie dem auch sei, ich fliege dann morgen mit Röttger nach Jülich und wir nehmen uns JUWELS vor. Ist dir das recht, Lucas?", sagte Prof. Anderson.
"Bon, das ist so geplant. Katja, dann sehe ich sehe dich nächste Woche Dienstag wieder hier. Denk bitte daran, Röttger ist auch noch Teamleiter; mehr als drei Tage in der Woche ist er hier nicht entbehrlich."
"Das hast du mir schon 10. Mal gesagt, ich weiß Bescheid", erwiderte sie ihm freundlich, aber bestimmt. Anderson erhob sich, packte ihre Sachen und meinte: "Dann gehe ich noch kurz bei Röttger vorbei und informiere ihn über seine morgige Reise nach Jülich. Bis nächste Woche." Und schon entschwand sie aus dem Büro. Dubois und Broker sahen ihr gedankenvoll nach und nach einem Augenblick des Schweigens meinte Broker: "Hast du Glück, so eine kompetente Nachfolgerin für Durrand gefunden zu haben. Und mir scheint, ihr kommt auch gut miteinander zurecht."
"Mais oui, Daniel, das hast du richtig erkannt. Allerdings geht mir manchmal diese deutsche Besserwisserei etwas auf die Nerven. Der Frau täte eine Beziehung bestimmt mal ganz gut, dann wäre sie vielleicht entspannter. Unsere Sue Wang hat sich ja durch ihre Heirat auch sehr positiv entwickelt! Apropos: Kommen du und deine Frau zu uns zum Abendessen am Samstag? Adelina wäre entzückt."
"Prima, Christine freut sich bestimmt schon darauf, wieder mit Adelina quasseln zu können. Und du kannst uns mal das Boule beibringen."
"Alors, das sind ja erfreuliche Aussichten. Was hältst du davon: Wir gehen in unserem Bistro in Lourmarin ein Gläschen Pastis trinken?"
"Du bist der Boss", grinste Broker, "da sag ich nicht nein." Und so zogen sie los und genossen den Feierabend gemeinsam, bevor sie sich auf den Weg nach Hause machten.

Denis Röttger saß gerade in Freizeithose und T-Shirt auf dem Kissen und trank einen heißen Puh-Erh Tee. Er sann darüber nach, wie er sich nach mehr als einem Jahr in Lourmarin fühlte. Mittlerweile hatte er sich in seinem festen Apartment im Gästehaus eine chinesische Ecke eingerichtet. Hinter einem Paravent, vor dem ein großer Bambus in einem Topf stand, befand sich ein Tischchen mit den Utensilien für eine Gong Fu Cha Teezeromie. Dort gab es die Möglichkeit, auf einem großen, weichen Teppich um einen niedrigen Tisch herum auf Sitzkissen Platz zu nehmen. Das war vor allem der Fall, wenn Sue und Helmut ihn besuchten.
Ja, stellte er fest, er war endlich bei sich angekommen. Davor war er ein Jahr auf der Flucht gewesen, immer in der Furcht, entdeckt und umgebracht zu werden oder im Gefängnis zu landen. Eine Ausweglosigkeit und später das Gefühl, wie ein Tier in der Falle zu stecken, hatten sein Leben beherrscht. Andere hatten bestimmt, was in seinem Leben zu geschehen hatte: die KI GOLEM, mit der er unkontrolliert in seinem Kopf verbunden gewesen war, die ganzen Versuche, für die er sich mehr oder weniger freiwillig zur Verfügung gestellt hatte, die Chips ... er atmete tief durch. Allmählich war eine Normalität in seinem Leben eingekehrt, die er bitter nötig gehabt hatte. Manche Nächte wachte er zwar noch mit Alpträumen auf, aber er hatte es überlebt und im Großen und Ganzen hinter sich!
Hin und wieder zündete er eine Kerze an und hielt Zwiesprache mit Ai Wang, seiner verstorbenen Liebe. Dieses Ritual hatte er vor 2 Jahren begonnen, als er sich komplett isoliert, verzweifelt und allein gefühlt hatte. Sie hatte sich im Augenblick des Todes endlich zu ihm bekannt ... es blieb zwar eine wunderbare, aber auch gleichzeitig eine schmerzliche Erinnerung. Gab es für ihn überhaupt noch ein persönliches Glück? Und dann war da noch die Unsicherheit, ob es ihm überhaupt noch möglich war, eine erfüllende Beziehung mit all seinen Implantaten und Operationen im Gehirn zu erleben. Fragen, auf die er keine Antworten hatte.
Seine Gedanken schweiften zu Ais Tochter Sue, die mit seinem Freund Helmut Schwarz ihr Glück gefunden hatte. Er lächelte beim Gedanken an die beiden warm. Mittlerweile war er ein gern gesehener, jederzeit sehr willkommener Gast in ihrem neuen Haus auf dem Grundstück des Konsulats. Das hatte sicherlich damit zu tun, dass Sue jetzt wusste, dass er mit ihrer Mutter liiert gewesen war und ihn wohl als Art jungen Stiefvater ansah. Zudem hatte er einige Zeit in China gelebt und war auch der Sprache mächtig. Nachdem Helmut und Sue ihr neues Haus bezogen hatten, genossen sie ihre geräumigen, gut ausgestatteten Arbeitszimmer. Beide verschwanden lange Zeit in ihrer jeweiligen Kreativwerkstatt, wie Helmut sein Zimmer nannte, oder hockten zusammen vor einem Terminal, was ihre Lieblingsbeschäftigung zu sein schien. Zusammen begannen sie, ein unschlagbares Team zu werden. Helmut arbeitete an der Vervollkommnung seiner Hologramme und unterstützte Sue bei ihrem KI Projekt. Sue wiederum hörte sich geduldig seine vielen fantastischen und verrückten Ideen an, die sie dann ganz pragmatisch auf die Machbarkeit hin analysierte. Er erinnerte sich grinsend an die Situation, wie Helmut da saß und seine Frau anstarrte, während er ihr schweigend zuhörte. Man sah ihm an, dass er sich am liebsten die Haare gerauft hätte! Mit einem tief betrübten Gesichtsausdruck hatte er sich ihm zugewandt und geäußert, dass sie wieder einmal eine seiner grandiosesten Ideen zerpflückt habe. Das sei jetzt wohl ihr neuestes Hobby, sagte er jetzt wieder anklagend zu ihr, ihrem Mann das Leben schwer zu machen. Woraufhin Sue lachte und Helmut kitzelte, bis er sie zu sich zog und Genugtuung forderte.
Er hatte lächelnd das Zimmer verlassen und sich in die Küche zurückgezogen, wo er sich einen Tee machte und wartete, bis die beiden schließlich wieder zusammen auftauchten. Ihm gefiel die Offenheit und die die natürliche Lebendigkeit, die er mit ihnen als Paar erlebte. Aber vor allem tat ihm das Gefühl gut, Teil einer Familie zu sein, die er selbst nicht hatte.
Seine Kommunikationsimplantate, die ihn mit GOLEM verbanden und den nachträglich eingesetzten Chip hatte er mittlerweile mehr oder weniger akzeptiert. Aber erst, nachdem er den Kontakt vollkommen selbst regulieren konnte, ging es ihm besser. Die Zeit, da er sich für allerlei Experimente daran zur Verfügung gestellt hatte, war vorbei. Seinen Job als Teamleiter gab ihm eine tiefe Befriedigung und machte ihm Spaß. Vielleicht sogar zufriedener als in seinem vergangenen Leben als Thomas Bräuner (E-Book/Print "Die Bitcoinverschwörung").
Und GOLEM? Der Kontakt mit der KI war in den Hintergrund getreten und das war ihm eine lange Zeit sehr recht gewesen. Er kommunizierte zwar im Rahmen seiner Arbeit mit der KI, aber nur noch kontrolliert.
Bei diesen Gedanken angekommen, klingelte es an seiner Zimmertür. Die Videokamera an der Tür zeigte zu seiner Überraschung seine Chefin Prof. Anderson.
Er öffnete die Tür und sagte: "Das ist aber eine Überraschung. Was kann ich für dich tun? Darf ich dir eine Tasse Tee anbieten?"
Anderson antwortete: "Gerne, aber ich möchte nicht stören", mit Blick auf seine Freizeitkleidung. Aber Röttger hatte sich schon umgewandt in der Erwartung, dass sie ihm folgte. Mitten im Raum blieb sie stehen und sagte: "Oh, das ist aber ungewöhnlich und schön eingerichtet!"
"Ja, das verdanke ich meiner Zeit in China", erwiderte er und zeigte ihr seine chinesische Ecke. "Aber setzen wir uns doch." Er wies in Richtung Fenster, an dem ein normal hoher Esstisch stand. Nachdem sie sich gesetzt und Röttger eine Tasse Tee vor sie hingestellt hatte, erzählte er, dass die Menschen in China, selbst in vornehmen Restaurants, auf Kissen um einen niedrigen Tisch herum Platz nahmen. Das hatte ihm gut gefallen, sowie die ganze asiatische Lebensart.
Jetzt fragte er: "Und, was verschafft mir die Ehre meiner Chefin am Abend?"
"Ich habe gar nicht gemerkt, wie schnell die Zeit verging. Also, Denis, wir fliegen bereits morgen früh nach Jülich. Es ist angedacht, dass du drei Tage in der Woche dort bist und im Anschluss wieder hierher zurückkommst."
"Kein Problem", meinte Röttger, "ich habe immer alles auf meinem Laptop dabei."
"Gut", sie erhob sich, "dann werde ich mal nicht weiter stören."
"Katja, du störst wirklich nicht. Außerdem habe ich noch nichts gegessen. Wie wär's - leistest du mir Gesellschaft?" Er lächelte sie einladend an. Eigentlich eine gute Idee, dachte sie und setzte sich wieder. Sie hatte heute sowieso nichts mehr vor und hätte auch nur allein auf dem Zimmer gesessen.
"Prima, ich bin einverstanden. Was gibt es denn Gutes? Außer einer Banane habe ich tatsächlich noch nichts gegessen."
"Na, dann hole ich mal alles aus dem Kühlschrank", gesagt getan. Nach einer Stunde gemeinsamen Essens verabschiedete sie sich von ihm und ging.

Kapitel 2 Die dritte Staatsgewalt taucht auf
Kapitel 3 Alarmstufe rot
Kapital 4 Dunkle Wolken ziehen auf
Kapitel 5 Unternehmen Cyborg
Kapitel 6 Nachwehen
Kapitel 7 Golems geheime Armee
Kapitel 8 Der Kampf um den Mond
Kapitel 9 Die Welt organisiert sich neu
Kapitel 10 Endspurt für die Internationale Mondlandung
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