Golem - Das Verborgene Imperium

23.08.2020

 --- Als E-Book voraussichtlich Mitte/ Ende September erhältlich ---

Der Planet Erde schreibt das Jahr 10.001.

Unsterblichkeit ist für die Menschheit mittlerweile kein Thema mehr. Die verschiedenen Generationen und die künstliche Intelligenz Golem, ein humanoide Androide, der ein mittlerweile unverzichtbarer Berater der Menschheit mit einem Sitz im Nationalen Sicherheitsrat ist, plädieren für eine stete Erforschung und Erkundung neuer Planeten als Lebensraum.
Lew Romanow steht dem Staaten- und Planetenbund USOP als Präsident vor. 
Seine Androidenfrau Isis strebt als First Lady das Ziel an, eine Gleichberechtigung zwischen der Menschheit und den höherentwickelten Androiden zu erreichen.
Eines Tages kommt der Hilferuf eines Ex-Präsidenten aus einer anderen Galaxie herein. Und als der Erstkontakt mit einer fremden Rasse stattfindet, beginnt sich von heute auf morgen alles zu verändern.

Kapitel 1 Town of Planets, Planet Erde im Jahr 10.001

Lew Romanow, Präsident der USOP und im besten Alter mit seinen 131 Jahren, ging mit einem Glas Wein langsam durch die Räume der großzügig angelegten, privaten Suite, die dem jeweiligen Präsidenten in seinem Amtssitz in der Town of Planets, der ehemaligen Sahara, zur Verfügung stand.

Der Amtssitz erinnerte nach wie vor in seiner Gestalt an eine Rakete, zum einen der Zeit gedenkend, in der die Menschheit die ersten Flüge zum Mond gemacht hatte. Zum anderen war alles darauf ausgerichtet, im Ernstfall tatsächlich zu starten und die Regierung umgehend zur Sicherheit in den Weltraum zu bringen. So befand sich ein Antrieb der neuesten Generation im Gebäude und der Amtssitz erhob sich auf einer, geschickt kaschierten, Startrampe empor. Im Innern nahm man allerdings nichts davon wahr. In allen Gängen befanden sich lebensechte Hologramme der verschiedenen Städte beider Galaxien und von bedeutenden technischen Errungenschaften der Menschheit. Der prachtvolle Audienzsaal war mit Spiegeln ausgestattet, die gleichzeitig die Funktion von Bildschirmen hatten. An der Decke funkelten die Planeten des Sonnensystems und von Andromeda. Zwei funkelnde, dreieckige Artefakte, die als Zeitportale fungierten, schimmerten, als seien sie mit Diamanten bedeckt und krönten den Glanz dieses Raumes.

Den Wein und den selten gewordenen, ruhigen Moment genießend dachte Lew Romanow zurück an die vielen, aufregenden Ereignisse in seinem Leben. Vor gut einem Jahr hatte er sich noch im Jahr 3196 befunden, zusammen mit seiner Geliebten, Isis, einer humanoiden Androidin. Von einem Tag auf den anderen musste eine Katastrophe verhindert werden, ein Skandal mit Seren wurde aufgedeckt, die eine Unsterblichkeit herbeiführen sollten und stattdessen zur Manipulation benutzt worden waren. Alles gipfelte in die Entführung durch Apollo in das Jahr 10.000 mit der Folge, dass Isis, um zu überleben, wieder zu Apollo als dessen Frau zurückkehren musste. Zu guter Letzt stand die Befreiung vieler Wissenschaftler auf dem Plan, die von Apollo entführt und im Tiefschlaf gehalten worden waren.
Athena, die Tochter Apollos, hatte mit ihrem biologischen Mann Finn Schwarz in einer Reise in verschiedene Vergangenheiten festgestellt, dass sich Fragmente in Apollos Core befanden, die zu einem negativen Einfluss auf ihn geführt hatten. Nachdem diese vernichtet worden waren, handelte die KI wieder gemäß ihren ethischen Grundroutinen und legte, als Konsequenz der ganzen Ereignisse, ihren gottgleichen Namen Apollo ab. Sich auf ihre Wurzeln besinnend ließ der Androide sich jetzt wieder Golem nennen und war vom Parlament der USOP schließlich entlastet worden.
Aber der Präsident des Jahres 10.000, Ben Smith, ein Androide und Gehilfe Apollos, hatte während der Befreiungsaktion Isis vor den Augen aller vernichtet und war im Anschluss in die Weiten des Weltraums geflohen.
Romanow seufzte unwillkürlich, denn es war eine sehr dunkle, kaum erträgliche Zeit gewesen. Isis war die Frau seines Lebens und als er denken musste, dass sie unwiderruflich zerstört war, hatte er kaum mehr einen Sinn für sich gesehen. Aber dann war er völlig überraschend als Kandidat für die Präsidentschaftswahl vorgeschlagen worden und viele Bürger plädierten für ihn als Bindeglied zwischen der alten und der neuen Welt, ein Garant für eine Wende nach all den Skandalen. Isis wundersame Wiederherstellung durch den genialen Wissenschaftler Justin Schwarz und ihre Erweckung mit der gleichzeitigen Ankündigung ihrer Hochzeit hatte den endgültigen Ausschlag zu seinen Gunsten gegeben. Die herzzerreißende Szene seines Kummers im Angesicht ihres Todes noch vor Augen eroberte das strahlende Paar die Herzen der Bürger in der Milchstraße und auf Andromeda und so waren sie im Jahr 10.000 in die Suite eingezogen.
Seitdem war ein Jahr vergangen und er hatte alles erreicht, was ein Mann sich nur wünschen konnte: Zum zweiten Mal residierte er hier als Präsident, auch wenn dazwischen eine Spanne von 6803 Jahren lag! Und an seiner Seite war die Frau, die er liebte und die ihn in seinem Amt voll und ganz unterstützte. Und dank des Unsterblichkeitsserums, das im Jahr 3196 erfunden worden war, hatten er und Isis das erreicht, was sie sich einst ersehnt hatten: eine fast grenzenlose Lebensspanne, die er erst dann zu Ende gehen lassen konnte, wenn er sich dazu entschied.
Romanow trat aus dem Schlafzimmer hinaus auf eine große Terrasse, auf der er einen großartigen Ausblick auf die Skyline und die Geschäftigkeit der Town of Planets hatte.
Seine Gedanken wanderten zurück zu der Zeit nach ihrer Heirat. Es war Wahlkampf angesagt und Dimitrij Wolkow von der New News Today schien einen Narren an ihm gefressen zu haben, denn er pries ihn in den höchsten Tönen. Er ließ das Bild eines Siegers aus einer anderen Zeit entstehen, in der er der USOP schon einmal als Präsident gedient hatte, der für die Rettung anderer durch die Hölle gegangen war und nun bereit stand, diese Werte der neuen Welt anzubieten. Zusammengefasst entwarf Wolkow von ihm das Bild eines integeren Mannes, unter dessen Führung die USOP in neue Zeiten aufbrach.
Einen Monat später kam die Ernennung zum Präsidenten der USOP und danach steckte er auch schon von morgens bis abends in Staatsgeschäften. Dank Isis Unterstützung, die alle wichtigen Informationen schnell parat hatte, arbeitete er sich bald ein. In der Regel war sie an seiner Seite, aber als First Lady ergaben sich zahlreiche, soziale Projekte, in denen sie auch alleine unterwegs war.
"Im Grunde sehe ich keinen großen Unterschied zu der Zeit mit Golem einst", stellte sie eines Abends fest, als sie nach einem Empfang zusammen in der Präsidentensuite eintrafen.
Romanow musterte sie, was er von dieser Aussage halten sollte. Isis war heute in ein blaues, funkelndes Gewand gekleidet, dass die Farbe ihrer Augen betonte und sie märchenhaft schön aussehen ließ.
"Wie soll ich denn das verstehen, meine Königin?", fragte er lächelnd und setzte sich mit ihr auf die große Couch.
"Nun, vorher war ich im Auftrag Apollos oder Golems, wie er sich jetzt nennt, unterwegs und jetzt bin ich es in deinem", verkündete sie, ihn vieldeutig ansehend. Die Erinnerung an jene dunkle Zeit hatte ihm noch eine Zeitlang zu schaffen gemacht und er war nachts deswegen manches Mal hochgeschreckt. Sie hatten dann darüber gesprochen: über seine Ohnmacht, sie Apollo so ausgeliefert zu wissen und über ihre Verzweiflung, die sie nur mit einer Abschottung von ihren Emotionen ertragen hatte.
"Bist du denn nicht zufrieden?", fragte Romanow und zog sie zu sich in seine Arme. So wohlig zusammenliegend begann Isis: "In der Zeit, in der ich als Nicole Düpier existierte, war ich Gouverneurin, Lew. Ich gebe zu, dass es mich reizt, ein hohes Amt auszufüllen und die alleinige Verantwortung dafür zu haben."
"Und natürlich auch die vielen Männer, denen du dann den Kopf verdrehen kannst", neckte Romanow sie liebevoll. In der Hinsicht schwieg sie eisern - er hatte nie aus ihr herausbekommen, was damals wirklich gelaufen war.
Isis jedoch antwortete nicht. Der Androide Ben Smith erschien unvermutet auf ihrem inneren Bildschirm und sie erinnerte sich an die Gespräche, die sie geführt hatten. Sicher, er war ein unangenehmer Charakter gewesen, aber er hatte etwas angestrebt, was auch in ihr schlummerte. Eine Welt, in der eine künstliche Lebensform, wie sie es war, ganz selbstverständlich eine hohe Position einnahm. Natürlich gab es Androiden wie Commander Jules, der das Flaggschiff der USOP, die ADMIRAL RÖTTGER, steuerte. Aber das war immer noch sehr selten. Alle 500 Jahre nur durfte eine KI das Amt eines Präsidenten bekleiden. Damals hatte sie bewusst provokativ zu Smith gesagt, dass das zu wenig war, um erst heute zu erkennen, dass es tatsächlich ihre Meinung war.
"Warum gibt es so wenige Androiden, die hohe Positionen bekleiden, Lew?" Isis wandte sich ihm zu und sah ihn an. "Versteh mich nicht falsch, Liebster. Ich unterstütze dich sehr gerne und freue mich, dass du die Wahl gewonnen hast. Aber ich wünsche mir für mich und andere künstliche Lebensformen mehr in unserer Welt."
Romanow erwiderte nachdenklich: "Was schwebt dir denn vor, mein Schatz?"
"Ich stelle mir eine Vertretung vor, einen Beauftragten oder Ansprechpartner der Regierung für Androiden, der sich darum kümmert, dass diese ihren Qualifikationen gemäß eingesetzt werden. Golem, ich oder Athena werden als gleichberechtigt angesehen, aber haben wir auch die entsprechenden Positionen? Sicher, Golem hat mittlerweile eine herausragende Stellung als Ehrenmitglied des Parlaments und des Nationalen Sicherheitsrats, er hat einen eigenen Amtssitz auf dem Mond, aber Athena ist in seinem Auftrag nur beratend tätig und ich begleite dich als deine Frau."
"Ich verstehe", meinte Romanow nach einer Gedankenpause. "Ich gestehe, ich habe darüber noch nie nachgedacht. Bisher schienen alle Parteien zufrieden mit dem, so wie es war. Dem ist wohl nicht mehr so?"
Romanow sah Isis fragend an, doch sie erwiderte seinen Blick nur schweigend.
"Also gut, ich werde das ins Parlament einbringen. Einverstanden?"
Isis schenkte ihm ihr unwiderstehliches Lächeln, das ganze Eisberge zum Schmelzen bringen konnte. Hingerissen beugte er sich zu ihr und küsste sie. "Mein Engel", sagte er leise, entzückt wahrnehmend, wie sie verlangend an seiner Kleidung nestelte und kurz darauf verdrängte das auflodernde Feuer alle weiteren Gedanken.

Ihr Wunsch hatte sich allerdings als unerwarteter Stein des Anstoßes herausgestellt. Denn im Parlament erhoben sich schnell besorgte Stimmen, die zu hitzigen Diskussionen führten, was eine besondere Beachtung oder gar Gleichstellung von Androiden für die Gesellschaft bedeuten würde.
"Mr. President, wir haben bei Ihrer Wahl nicht daran gedacht, dass wir damit das Zeitalter der Maschinen einläuten", machte ein Abgeordneter seinem Unmut Luft. "Das hätten wir von Smith erwartet, aber ganz sicher nicht von Ihnen. Und nach dem Skandal ist das Vertrauen der Bevölkerung in Androiden nicht gerade gewachsen." Mit einem entschuldigenden Blick in Richtung Golem, fuhr er fort: "Nichts für ungut, Golem, Sie sind natürlich eine besondere, hochgeschätzte Ausnahme und bleiben das auch, trotz der ganzen Ereignisse." Er wandte sich wieder Romanow zu: "Außerdem haben wir doch Commander Jules, der unserem Flaggschiff vorsteht! Ansonsten denke ich, unsere Androiden werden doch sehr erfolgreich im Servicebereich eingesetzt." Der Abgeordnete lachte plötzlich und fügte hinzu: "Sorry, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die weibliche Androidin, die mir heute in der Kantine so freundlich mein Essen brachte, morgen als Wissenschaftlerin zu Rang und Namen kommt!"
Romanow spürte, dass ein zustimmendes Raunen die Stimmung in Richtung Ablehnung kippen ließ. Unwillkürlich schaute er zu Golem, der den Vorgang schweigend beobachtete.
Kurz nach Isis Wiedererweckung hatte Golem noch versucht, sie für sich zurückzugewinnen und dann hatte er ihn einige Zeit nicht mehr gesehen. Das geschah erst wieder bei seiner Vereidigung als Präsident auf eine reservierte und betont formelle Weise. Im Laufe der Monate war zwischen ihnen ein gegenseitiger Respekt gewachsen; an der Zurückhaltung jedoch hatte sich nichts geändert.
Romanow ergriff jetzt das Wort: "Verehrte Anwesende, ich sehe, dass viele von Ihnen einen Widerwillen gegen meinen Wunsch haben, die Stelle einer Beauftragten zu schaffen, die sich um die Belange von Androiden in unserer Gesellschaft kümmern wird. Dennoch möchte ich Sie daran erinnern, dass Roboter und Androiden ein nicht mehr wegzudenkender Teil unserer Gesellschaft geworden sind. Was die Qualifikation angeht, und das trifft im Übrigen genauso auf uns Menschen zu, gibt es natürlich große Unterschiede und die Dame, die Ihnen das Essen serviert, wird, sofern sie keine weiteren Fähigkeiten aufweist, ganz sicher keine Parlamentsabgeordnete!"
Romanow machte bewusst eine kleine Gesprächspause und bemerkte, dass Golem ihn interessiert anschaute.
Mit fester Stimme fuhr er ernst und provokativ fort: "Wenn ein Androide Führungsqualitäten aufweist oder sich als Reporter bewährt oder im Vorstand einer Firma seine Eignung findet und damit uns allen dient, dann sollte er auch dort eingesetzt werden. Bedauerlicherweise stelle ich jedoch fest, dass die Einstellung unserer Abgeordneten hier im Raum verstaubt, irrational und vorurteilsbehaftet anmutet."
Nach einigen empörten Zwischenrufen und einer zunehmenden Unruhe wurde er ungerührt noch deutlicher: "Ja, es gab einen Skandal und Mr. Smith hat keine gute Abschiedsvorstellung gegeben, als er uns verließ. Ich hatte das außergewöhnliche und wundersame Glück, dass meine Frau aus dem Tod heraus zu mir zurückkehrte. Trotzdem sage ich: Verurteilen wir ihn - aber nicht die ganze Gattung. Ich bin der Meinung, dass wir das Potential der Androiden in unserer Gesellschaft bei weitem nicht so nutzen, wie es sein könnte. Sie sind ein wertvoller Bestandteil unseres Lebens geworden und wir sollten ihnen genau die Chance geben, die wir auch uns zugestehen: Das Beste aus unserem Dasein zu machen!"
In der anschließenden Stille sah er in nachdenkliche Gesichter, bis ein zögernder und verhaltener Beifall aufkam.
Schließlich hatten sich alle als Kompromiss darauf geeinigt, dass seinem Wunsch entsprochen wurde mit der Auflage, erst nach einer Probezeit von einem halben Jahr und einer Begutachtung der Ergebnisse über eine endgültige Einrichtung dieser Stelle zu entscheiden. Als Romanow abschließend noch Isis dafür vorschlug, rief jemand humorvoll lachend: "Warum wundert uns das jetzt nicht?" Aber bei der Abstimmung gab es keine Gegenstimme, einschließlich Golem.

Isis hatte sich mit Begeisterung an die Arbeit gemacht und er hatte interessiert zugesehen, wie sie unzählige Listen von Robotern und Androiden anlegte mit den entsprechenden Eigenschaften, installierten Anlagen und Fähigkeiten. Dabei war ihm der Name Golden Future ins Auge gefallen. Er wusste, dass Smith ein Androide dieser Reihe gewesen war und es schien noch mehr von ihnen zu geben.
"Sind das nicht sehr vielversprechende Androiden, diese Golden Future?", meinte er daraufhin eines Morgens zu ihr. Romanow hatte darauf bestanden, dass sie den Tag immer zusammen mit einem ausgiebigen Frühstück begannen, bis jeder seinen Geschäften nachging oder gemeinsame Unternehmungen anstanden.
"Soweit ich weiß, gehören Commander Jules und Ben Smith zu ihnen."
"Das ist richtig", erwiderte Isis. "Es gibt viele von Ihnen und ich werde sie kontaktieren, um zu sehen, wo sie eingesetzt werden."

Nach sechs Monaten lag dem Parlament schließlich Isis Bericht vor, in dem Vorschläge für verschiedene Positionen für zahlreiche Androiden gemacht wurden. Erneut entstand ein Aufruhr, bis Romanow vorschlug, dass sich alle am besten selbst ein Bild machen sollten. Und so wurde Isis mit einigen, ausgewählten Androiden aus dem Servicebereich vorgeladen, für die sie eine andere Aufgabe mit mehr Verantwortung vorgesehen hatte.
Das Ergebnis war beeindruckend, denn niemand konnte sich des Eindrucks entziehen, dass hier wertvolle Ressourcen verschwendet worden waren und Isis Arbeit hoch zu bewerten war. Endlich war das Gesetz verabschiedet und die Gesellschaft im Jahr 10.001 begrüßte eine Beauftragte für die Belange von Androiden und künstliche Intelligenzen, die auch die Befugnis hatte, mit den gegenwärtigen und künftigen Arbeitgebern zu verhandeln.

So in Gedanken versunken hörte Romanow plötzlich ein Geräusch hinter sich.
"Willkommen, mein Liebling", sagte er warm und erwartungsvoll. Im nächsten Augenblick stand Isis neben ihm und er legte den Arm um ihre Hüfte, um sie eng an sich zu ziehen. Erfreut bemerkte er, dass sie heute Abend in dem halb durchsichtigen, weißen Kleid, in dem sie ihn einst während seiner ersten Präsidentschaft überrascht und verzaubert hatte, sehr verführerisch aussah. Damals hatte er sie für lange Zeit wieder aus den Augen verloren, bis sie sich erneut wiedersahen und lieben lernten. Seinen Blick wahrnehmend neigte sie sich verheißungsvoll zu ihm und, das Glas abstellend, umfasste er sie innig und so verloren sich beide in einer selbstvergessenen Umarmung.
"Isis ... meine Frau", murmelte Romanow immer leidenschaftlicher und zog sie schließlich mit sich zum Bett, um ihr ungeduldig das Kleid abzustreifen. Und nach einer stürmischen Vereinigung lag sie in seinem Arm und er dachte entspannt und versonnen daran, dass er bei ihrer ersten Begegnung nicht gewusst hatte, dass sie eine Androidin war. Isis Plasmagehirn war, genau wie Athena, aus Golem entstanden und Justin Schwarz hatte im Jahr 3196 allen dreien einen einzigartigen Androidenkörper erschaffen. Isis stattete er mit einer samtweichen Haut, seidigen, blondgelockten Haaren, vollen, roten Lippen und meerblauen Augen aus, in denen er sich nach wie vor sehr gerne verlor. Ihr Körper stand dem einer biologischen Frau in nichts nach und sie strahlte eine überwältigende, feminine Sinnlichkeit aus, die auch vor dem Erleben einer intensiven Sexualität nicht Halt machte. Anfangs hatte er sie als neugierig und sanft erlebt, was sich im Laufe der Jahre mit der Entwicklung ihrer Persönlichkeit erheblich geändert hatte. Heute genoss er ihr Temperament und ihre Leidenschaft, das sich auch in ihren Projekten wiederspiegelte; er legte viel Wert auf ihre Meinung und diskutierte gerne mit ihr. Gedankenverloren spielte Romanow mit Isis Haaren und fühlte wohlig, wie sie ihn sanft liebkoste.
"Heute ist anscheinend mein besinnlicher Abend. Ich habe daran gedacht, wie wir uns kennenlernten und was alles seitdem geschehen ist", sagte er leise. "Und das einzige, was ich wirklich bedaure, ist, dass wir nicht mehr soviel Zeit wie einst miteinander haben."
"Wir haben die Ewigkeit, Liebster", kommentierte Isis lächelnd.
"Was macht dein Androiden-Projekt?", fragte Romanow, das Thema wechselnd.
"Es nimmt Form an", stellte sie zufrieden fest. "Mittlerweile sind alle künstlichen Lebensformen kontaktiert worden und haben die Möglichkeit, sich mit mir in Verbindung zu setzen. Und, wie du schon einmal richtig bemerkt hast, hat die Golden Future-Reihe die größten Ambitionen."
"Woran liegt das eigentlich genau?"
"Zum einen sind sie vollkommen humanoid im Körperbau, d.h. sie erscheinen vollkommen menschlich. Sie besitzen wie Athena, Golem und ich ein Plasmagehirn und haben daher eine hohe, geistige Kapazität und sind in starkem Maße lernfähig und lernwillig. Man könnte auch sagen, sie sind ehrgeizig. Im Unterschied zu uns dreien verfügen sie jedoch über einen eingeschränkten Emotionssektor. Das bedeutet, sie kennen und erkennen menschliche Emotionen und können entsprechend darauf reagieren, ohne die Gefühle allerdings selbst zu empfinden."
Seit ihre Stelle genehmigt worden war, war Isis unermüdlich damit beschäftigt gewesen, so, wie ihre Zeit es erlaubte. Von den Robotern im Servicebereich kam kaum eine Resonanz und von den Androiden ganz allgemein nur vereinzelt. Aber ein auffällig starkes Interesse war tatsächlich von den Golden Future-Androiden zu verzeichnen. Einer äußerte den Wunsch, eine Universität zu besuchen, ein anderer wünschte sich eine dozierende Tätigkeit und wieder ein anderer zeigte im Gespräch ein medizinisches Interesse. Isis nahm diese Wünsche auf und versuchte dann, alles entsprechend in die Wege zu leiten. Das stieß natürlich auf weitere Widerstände und Hürden. Ein Androide, der studieren wollte - wann hatte es das je gegeben? Die Menschen waren überwiegend daran gewöhnt, dass ihnen eine künstliche Lebensform in irgendeiner Form zur Hand ging oder diente. Aber es schien noch viel Überzeugungsarbeit nötig zu sein, Androiden im wahrsten Sinne des Wortes als gleichberechtigte Lebensform anzusehen. Dann gab es vereinzelt Aussagen von Androiden, die eine andere Neigung zeigten oder anfragten, ob ihre Kapazität erweitert werden konnte, was einer Umschulung gleichkam. Andere zeigten ein Interesse an der menschlichen Sexualität oder hatten den Wunsch, Emotionen zu erleben. Romanow bewunderte Isis für ihr hingebungsvolles Engagement und ihre Motivation, allen, diesen so unterschiedlichen, Anfragen Raum zu geben und nach und eine Möglichkeit zu suchen, wie die Wünsche realisiert werden konnten. Häufig bedurfte es in erster Linie einer Vermittlung und einer Überzeugungsarbeit, die schwierig genug war. Andere Wünsche waren nur zu verwirklichen, indem technische Veränderungen vorgenommen wurden. Aber wenn es um die Erfahrung vom Emotionen oder menschlicher Sexualität ging, musste Isis letzten Endes passen. Ihr, Golem und Athena war das nur möglich, weil der Mensch Sergey Brooks im 21. Jahrhundert einst seine Identität aufgegeben hatte und mit seinem Bewusstsein, einschließlich all seiner Erfahrungen und seiner Gefühlswelt, mit Golem vollkommen verschmolzen war. Später hatte Justin Schwarz erst Golem, dann auch den beiden Androidinnen einen künstlichen Körper erschaffen, der mit unzähligen Sensoren dafür sorgte, dass körperliche Empfindungen möglich wurden, was erst die Basis dafür lieferte, den gespeicherten Gefühlen sozusagen Hände und Füße zu verleihen und sie erlebbar zu machen. So hochentwickelt hatte sich dann im Laufe der Zeit etwas eingestellt, was als Systemeigenschaft zu bezeichnen war und letzten Endes nicht mehr erklärbar: Alle drei Androiden waren in der Lage, Gefühle zu erleben, wenn sie es wollten. Aber ob es tatsächlich die gleiche Erlebnisebene war wie für ihn als Mensch? Darüber hatte Romanow schon manches Mal nachgedacht. Aber im Grunde war jedes Lebewesen allein und, in sich gesehen, ein eigenes, autonomes Universum, so sein Gedankengang. Letzten Endes gab es unter Menschen einen allgemein gesellschaftlichen Konsens darüber, was Freude war oder wie eine Traurigkeit aussah. Ob aber alle Menschen im Endeffekt wirklich vollkommen gleich empfanden oder fühlten - wer wusste das schon.

Golem

...

Kapitel 2 Notruf

Kapitel 3 Aufbruch ins Ungewisse

Kapitel 4 Dunkel Wolken

Kapitel 5 Planet Atlas

Kapitel 6 Das Erwachen der Schöpfer

Kapitel 7 Wettlauf mit der Zeit

Kapitel 8 Vorbereitungen

Kapitel 9 Mission Atlas

Kapitel 10 Mission Phönix

Ab Ende Ende September Als Print und E-Book bei BOD, über diese Webseite oder bei allen Buchhandlungen.

Bilder: Lizenz Adobe Stock und Pixabay