Die Virtuelle Welt

19.06.2019

Ein Besuch in virtuellen Welt mit den Charakteren aus dem Print/E-Book: "GOLEM im Zeitalter der Cyborgs und Androiden".

Devi und Brooks freuten sich, wieder hier zu sein -war die Umgebung für sie doch fast schon vertraut vom letzten Besuch. (Print/E-Book: GOLEM im Zeitalter der Cyborgs und Androiden) Larry Packet, Tatjana Koslow, Denis Röttger und Katja Anderson jedoch sahen sich neugierig und interessiert in diesem leicht dunklen Korridor um.
Unvermittelt erschienen 3 Gestalten vor ihnen.
"Hallo Herbert, hallo Sue und Jan", sagte Devi sofort erfreut, "wir sind wieder zu Besuch und haben dieses Mal unsere Freunde mitgebracht. Das sind Denis, Larry, Katja und Tatjana. Sergey kennt ihr ja noch vom letzten Mal." Zu der Gruppe gewandt ergänzte sie: "Leute, das sind unsere drei Mind-Uploads Sue, Herbert und Jan." (Print/E-Book: "GOLEMs Rückkehr")
Aber Anandas Freundlichkeit wurde von Herbert und Sue nicht erwidert, die die Gruppe wortlos anstarrten. Nur Jan freute sich und meinte: "Prima, Besuch vom Planeten Erde! Willkommen im Digispace, Freunde. Ein bisschen Abwechslung können wir gut gebrauchen!"
"Hallo Jan, ich bin Katja Anderson, die Institutsleitung von Jülich. Wir, das heißt mein Mitarbeiter Denis und ich, haben schon mit euch schon oft über JUWELS kommuniziert - ich freue mich, euch jetzt auch persönlich kennenzulernen."
"Ach ja?", sagte Herbert jetzt fast feindselig, "ist euch eure Welt zu langweilig geworden? Oder hattet ihr mal das Bedürfnis, einen Sonntagsausflug in den Zoo zu machen, um uns anzustarren?"
Ein ungemütliches Schweigen stand plötzlich im Raum.
Mit Blick auf Herbert und Sue sagte Jan schließlich: "Entschuldigt die beiden - ihnen fällt es schwer, zu akzeptieren, dass wir nicht mehr auf die körperliche Ebene zurückkehren können. Und ihr erinnert uns natürlich daran, was wir verloren haben und niemals wieder erleben werden."
Devi meinte warm und anteilnehmend: "Ja, das kann ich mir gut vorstellen..."
Sue unterbrach sie heftig: "Nein, das kannst du ganz bestimmt nicht. Ihr habt keine Ahnung, wie das ist!" Betroffen und sprachlos schaute die Gruppe sie und Herbert an, als plötzlich GOLEM in Form des Hologramms Albert Einstein vor ihnen auftauchte.
"Willkommen in meiner Welt", lächelte er der Gruppe zu. Zu Herbert, Sue und Jan gewandt fügte er an: "Ich werde das Team jetzt nach Lourmarin mitnehmen. Ihr könnt später noch mal kurz mit ihnen sprechen."
"Ich würde gerne mitkommen und euch begleiten", sagte Jan.
"Gerne", sagte Devi und streckte ihm die Hand entgegen. "Das ist zwar kein Ersatz für einen irdischen Körperkontakt", sagte sie, "aber vielleicht ein kleines Trostplaster. Vielleicht ist es so, dass ich keine Ahnung habe, wie es ist, hier zu sein, aber es hat mich nach dem letzten Mal schwer beschäftigt."
Jan kam näher und nahm ihre Hand in beide Hände. "Das ist schön", sagte er warm und lächelte sie erfreut an. "Ich freue mich über jeden Kontakt."
Anderson, Koslow, Packet und Röttger hatten den Wortwechsel schweigend verfolgt. Schließlich meinte Anderson: "Das muss GOLEM entscheiden."
Sue und Herbert sahen sich wortlos an und verschwanden.
Zu GOLEM-Einstein gewandt sagte Anderson: "Ich freue mich, und damit spreche ich für alle Anwesenden hier, deine Welt kennenzulernen."
"Gut", sagte die KI, "dann sollten wir uns aufmachen. Jan kann uns gerne begleiten."
Nachdem GOLEM mit ihnen verschiedene Speichersektoren gezeigt hatte, zog er die Gruppe mit sich in das Quantencomputersystem, wo sie aufgrund der enormen Belastung für ihre Körper nur kurz verweilten durften.
Schließlich waren sie wieder zurück im Supercomputer JUWELS in Jülich.
"So - wir sollten jetzt an die 30 Minuten hier gewesen sein. Es ist sicher Zeit, zurückzukehren", meinte Anderson.
Plötzlich verschwanden Devi und Brooks vor ihren Augen aber Koslow, Packet, Röttger und Anderson befanden sich nach wie vor noch hier.
"Was ist denn jetzt los?", fragte Anderson verdutzt.
Röttger und die anderen sahen sich ratlos an.
"Devi und Brooks sind wohl aufgewacht, aber wir nicht", stellt Koslow fest.
"Und warum passiert das nicht?", fragte Packet.
"Wir müssen raus hier, sonst gibt es Folgeschäden", fuhr Koslow besorgt fort.
Eine wachsende Unruhe machte sich allmählich breit.
"Nun mal langsam, Leute. Wir werden überwacht", überlegte Anderson laut, "und Dr. Linster würde sofort den Impuls veranlassen, der den Neurotransmitter im Gehirn zerstört, sollten wir gesundheitlich in eine Krise kommen. Da wir davon ausgehen müssen, dass unser Körper einen längeren Besuch nicht verträgt, wird das innerhalb der nächsten Minuten sicher geschehen, d.h., wir werden so oder so aufwachen."
"Naja - Devi und Brooks sind bereits verschwunden - aber warum nicht wir? Also gut, warten wir noch ein wenig. Aber ungewöhnlich ist das schon", stellte Brooks fest. "Und wo ist eigentlich GOLEM?"
Das Hologramm von Einstein, das sie bislang begleitet hatte, war nicht zu sehen. Aber während sie darüber noch nachsannen, erschien GOLEM-Einstein wieder unmittelbar vor ihnen.
"Es gibt keine guten Neuigkeiten", sagte GOLEM.
"Was ist passiert?", fragte Anderson.
"Eure Körper werden gerade in ein künstliches Koma versetzt - das bedeutet, ihr könnt zurzeit nicht zurückkehren!"
Alle starrten ihn fassungslos an, eines Wortes zunächst nicht fähig.
"Ähm ... und warum nicht?", fragte Röttger.
"Unsere zwei Uploads haben unbemerkt und sehr geschickt eine Manipulation der Zeitwahrnehmung durchgeführt. Tatsächlich habt ihr euch hier länger als eine Stunde aufgehalten. Eine Zerstörung der Transmitter war nur bei Devi und Brooks möglich, aber nicht bei euch. Dr. Linster hat ein künstliches Koma angeordnet, um Schäden für eure Körper gering zu halten. In der Zwischenzeit wird Brooks mit Helmut Schwarz nach einer Lösung suchen."
Alle vier starrten das Hologramm an.
"Das ist nicht dein Ernst ... warum hast du davon nichts bemerkt?", fragte Anderson.
Aber GOLEM-Einstein schwieg unbewegt.
Alle starrten sich an, während langsam die unterschiedlichsten Gefühle aufstiegen.
Koslow sagte nüchtern: "Jetzt hängen wir hier fest, nicht wahr?"
"Die Frage ist: für wie lange?", fügte Packet bedeutungsschwer an.
Anderson, mit einem Seitenblick auf Röttger, ergriff das Wort und meinte ganz pragmatisch: "Ich bin sicher, Brooks und Schwarz werden alles tun, was in ihrer Macht steht. Und bis eine Rückkehr möglich ist, werden wir uns hier einrichten."
Sie sah Jan an: "Kannst du dir vorstellen, dass wir für diese Zeit deine Gäste sind?"
Jan strahlte: "Na klar! Es wird schon alles gut werden und bis dahin finde ich es klasse, dass ihr da seid! Dann kommt mal mit."
Und schon setzte er sich in Bewegung.
Die vier sahen sich an und nach einem Nicken von Anderson folgten sie ihm. Sie durchliefen verschiedene Wände, die Speichersektoren darstellten und befanden sich schließlich in einem großen, geräumigen Wohnzimmer mit Küchenecke.
"Das ist meine Wohnung", sagte Jan. "Fühlt euch wie zu Hause."
Alle setzten sich um den Tisch und Anderson meinte, während sie sich umschaute: "Das erinnert mich an meine Studienzeit."
"Stimmt", gab Jan zu, "ich finde es gemütlich so und bis zum Upload war ich ja auch Student."
"Irgendwie cool", fand Packet. "Du stellst dir was vor und kreierst es damit gleichzeitig?"
"Das kann man so sehen, ja", erwiderte Jan. "Gleichzeitig erfährst du eine Menge über deine unbewussten Wünsche."
Koslow lächelte: "Dann bin ich ja mal gespannt!"
Anderson warf Röttger einen prüfenden Seitenblick zu, sagte aber nichts.
"Und was machen wir jetzt?", fragte Packet. "Essen wir was zusammen?"
"Klar, das machen wir", grinste Jan, "ich schiebe mal drei Pizzas in den Ofen. Er ging zu einem riesigen Kühlschrank, holte 3 fertige Pizzaböden heraus und legte sie in den Backofen. Nach einiger Zeit war alles fertig und, zusammen mit ein paar Bieren, saßen sie zusammen. "Und, wie schmeckt's euch?", fragte Jan schließlich.
"Lecker, ein bisschen mehr Schinken und es wäre perfekt", meinte Packet fröhlich.
"Wieso Schinken?", fragte Koslow, "da ist kein Schinken - die ist doch vegetarisch!"
Anderson lachte: "Also ich esse gerade eine Hawai-Pizza, mit sehr viel Schinken. Koslow, Ihr Geschmack hat hier gelitten!"
"Hmh", sagte Röttger langsam, "meine ist eine Meeresfrüchte-Pizza... da isst wohl jeder von uns etwas anderes?" Er wandte sich jetzt Jan zu, der alle erwartungsvoll grinsend ansah.
"Tja, und meine ist mit Tomate, Mozzarella und Rucola. Welcome in my world, Leute. Da habt ihr schon eine erste Kostprobe von dem, was ich euch gesagt habe. Ihr werdet euch hier nochmal ganz anders kennenlernen."
Nach ein wenig Geplauder fragte Jan, ob sie mit den anderen beiden sprechen wollten. Normalerweise trafen sie sich abends immer an der Schnittstelle für externe Kommunikation.
"Ehrlich gesagt, nein", antwortete Anderson. "Über was soll ich mit den beiden sprechen? Ihr Konflikt ist nicht lösbar. Und sie haben uns einen üblen Streich gespielt, der böse ausgehen kann. Gut, normalerweise hätten wir bereits wieder zurück sein müssen; es ist unverständlich, warum sich unser Neurotransmitter nicht auflösen ließ."
Koslow und Packet sahen sie an: "Was ist der Unterschied von Devi und Brooks und uns?"
Röttger antwortete: "Brooks und Devi hatten ihren Neurotransmitter bereits integriert. Wir haben unseren heute erst erhalten."
"Ein Produktionsfehler oder Sabotage?", warf Packet in den Raum.
Nachdem eine Weile ein Schweigen herrschte und jeder seinen Gedanken nachhing, klopfte es an der Tür und Jan rief: "Hereinspaziert!"
GOLEM-Einstein erschien im Raum und setzte sich dazu. "Es tut mir leid, dass der Besuch so abläuft. Eure Körper sind stabilisiert, aber eine schnelle Lösung wird es nicht geben. Brooks und Schwarz arbeiten daran, die Ursache zu finden, warum sich der Neurotransmitter nicht auflöst. Es wurde bereits eine Meldung an die Fabrikationsstätten in China gemacht, um die Produktion zu stoppen und nach der Ursache zu forschen."
Anderson sagte schließlich: "Soweit, so gut. Wo werden wir hier untergebracht?"
"Ich werde euch zum Speichersektor 0709 begleiten, dort könnt ihr bleiben", sagte GOLEM-Einstein und Jan fügte zwinkernd hinzu: "Wenn ihr Abwechslung wollt, einfach an mich denken, dann schaue ich vorbei. Ansonsten sehe ich morgen mal bei euch rein."
Alle standen auf und folgten GOLEM durch Wände und Flure, bis sie in einem großen Areal standen, in dem ein kleines Einfamilienhaus stand.
"Ah", meinte Koslow neugierig, "davon hat Ananda mal erzählt." Die Tür öffnend betrat sie das Haus als Erste, während die anderen ihr folgten. GOLEM-Einstein stand abwartend dabei und verabschiedete sich schließlich: "Wenn etwas sein sollte, denkt an mich, das genügt."
Nachdem er verschwunden war, schauten sich alle um und suchten sich die Zimmer aus. Es waren genug vorhanden und sie machten die Küche als gemeinsamen Treffpunkt aus, wenn sie Kontakt haben wollten. Anderson schlug vor, dass sie sich duzten, was die anderen gerne annahmen.
"Gut", meinte Katja, "ich geh jetzt mal ins Bad eine Dusche nehmen. Kommst du mit, Denis, oder bleibst du noch hier?"
Tatjana machte sich ebenfalls auf und Larry hockte sich an die Kücheninsel an den Tresen, während er ein Bier aus dem Kühlschrank holte.
"Der Kühlschrank ist unerschöpflich", grinste er zu Denis. "Auch eins?"
Der nahm das Angebot an und meinte zu Katja: "Ich komme später nach."
Larry meinte nach einer Weile: "Ist schon interessant, mal hier zu sein. Da beschäftigt man sich mit der ganzen Produktion von KI, Chips, Heimnetzwerken und vielem mehr und erlebt jetzt selbst, wie es hier aussieht. Die Erfahrung muss man wirklich mal gemacht haben."
"Deswegen bin ich ebenfalls hier. Wir haben schon so oft mit den Uploads kommuniziert und die Erforschung dieser Welt einfach steht an. Allerdings hoffe ich, dass wir bald wieder zurückkehren."
"Ach was", meinte Packet, "es ist doch ein cooles Abenteuer, oder nicht?"
"Naja, das Bier schmeckt abgestanden und alles fühlt sich hier ein wenig anders an."
"Jetzt, wo du es sagst", meinte Larry. "War vielleicht ein bisschen viel heute ...legen wir uns aufs Ohr und verdauen erst mal das Ganze!"
Denis wanderte hoch und fand Katja bereits im Bett liegend vor. "Schläfst du schon?"
"Jetzt nicht mehr", murmelte sie, während er zu ihr kam, um sie in die Arme zu nehmen. Gemütlich zusammenliegend, meinte sie plötzlich, "es ist irgendwie eigenartig."
"Was?"
"Ich fühle dich und doch ist es anders."
"Hmh", sagte Denis lächelnd, "ich finde, du bist so aufregend wie immer für mich."
Aber nach einer Weile gab er nachdenklich zu: "Du hast schon recht. Es ist so, als ob ich die Gefühle aus meiner Erinnerung hole. Ich weiß, wie du dich für mich anfühlst, wenn ich dich im Arm halte. Und so ist es dann auch."
Katja drehte sich ihm zu. "Das ist gut gesagt. Ich hätte es nicht besser ausdrücken können."
Sie sahen sich beide an, sich bewusst auf das Geschehen konzentrierend.
"Das sind einmalige Erfahrungen, Katja. Wir sollten ein Tagebuch darüber führen."

Am nächsten Tag trafen sich alle in der Küche und tauschten sich über ihre Empfindungen aus. Letzten Endes war es allen so ergangen - sie schienen ihre Gefühlsintensitäten aus der Erinnerung hervorzuholen, die bis jetzt, vom Gefühl her anders, aber dennoch vorhanden und erlebbar waren.
"Das ist die Frage", meinte Larry gerade, "gibt es keine neue Intensität mehr oder existiert einfach eine andere Wahrnehmung?"
Es klopfte plötzlich an der Tür und Larry rief: "Immer herein!"
Jan stand vor ihnen und sagte: "Hallo Freunde, kommt ihr mit zur Arbeit ins Institut?"
"Das ist ein guter Vorschlag", erwiderte Katja, "wir kommen gerne mit."
Alle erhoben sich und folgten Jan, der einfach durch die Tür hindurchging.
"Na, dann mal los", meinte Tatjana, und machte einen Schritt vor ins Nichts ... und stand ... im Nichts. Sich unwillkürlich umdrehend und stellte sie fest, dass ihr niemand gefolgt war. Wo waren die anderen? Sie machte einige Schritte zurück, aber da war keine Wand mehr!
"Hallo, wo seid ihr?", fragte sie laut. Aber es gab keine Antwort und sie war allein im Nichts. Tatjana kam es so vor, als müsste sie frösteln. Hatte sie es sich nicht immer schon so vorgestellt, das Leben nach dem Tod? Einsam und allein, im Nichts... dann war ihr Körper wohl jetzt gestorben, dachte sie, und sie würde nie wieder zurückkehren. Viele Situationen rasten durch ihre Gedanken, Erinnerungen, Wünsche, Sehnsüchte ... all das sollte vorbei sein? Mit einmal Mal spürte sie eine ungeheure Wut auf das Schicksal ... Sie hatte noch so vieles vor sich gehabt und noch so wenig gelebt, befand sie. Nein, sie würde diese unendliche Leere nicht einfach so akzeptieren!
Unvermittelt fiel ihr das Erlebnis von gestern ein, die verschiedenen Pizzas ... jeder hatte seine Lieblingspizza erhalten und mit einem Mal fragte sie sich, ob sie nicht genau das auch kreiert hatte. Intensiv an das Wohnzimmer denkend ... befand sie wieder in dem Haus, das sie gerade verlassen hatte. Sie setzte sich erleichtert auf die Couch und wartete ab. Die anderen würden früher oder später sicher auch auftauchen.

Als Tatjana verschwunden war, durchschritt Larry als Nächster aufgeregt die Wand und ... fand sich auf einer Wiese in den Alpen wieder. Wie schön es hier war, dachte er, die würzige Luft atmend. Wie lange war es her, dass er sich einen Urlaub gegönnt hatte? Und so einen Wanderausflug in den Bergen wollte er schon immer mal machen. Das ist einfach perfekt, dachte er, während er mit nackten Füßen durch das Gras ging und sich dieser zeitlosen Erfahrung hingab. Schließlich stellte er irgendwann fest, dass alles zwar wunderbar, aber auch etwas surreal erschien. Die Farben und die Umgebung wirkten, als seien sie einer Reisebeschreibung entnommen. Auch kamen ihm keine Menschen entgegen; er schien hier vollständig allein zu sein. Sich plötzlich daran erinnernd, wo er eigentlich war und was Jan gesagt hatte, konzentrierte er sich auf den Ort, den er gerade verlassen hatte und tauchte im Wohnzimmer des Hauses auf. Tatjana hatte es sich auf der Couch gemütlich gemacht und so setzte er sich dazu.
"Und, auch unterwegs gewesen?", fragte er lächelnd. Sie erwiderte: "Ja, es fehlen nur noch Katja und Denis."

Als die beiden verschwunden waren, nahm Denis liebevoll Katjas Hand und meinte: "Jetzt sind wir dran, Liebste."
Gemeinsam durchquerten sie die Tür und ... standen barfuß am Strand, während das Meer seine Wellen an ihre Füße spülte. "Wo sind wir hier?", fragte Katja erstaunt.
"Hmh ... ich habe mir gerade intensiv gewünscht, mit dir an einem Strand am Meer zu sein", gestand Denis lachend, während er sie in den Arm nahm und hingebungsvoll küsste. "Die Gelegenheit musste ich einfach nutzen, verzeih!"
Katja lächelte und meinte: "Zugegeben, die Wirklichkeit wäre noch schöner, aber das ist wirklich süß von dir."
Seufzend wandte sie sich der Aussicht auf dem Meer zu: "Das ist alles nicht real, oder?"
"So real, wie unsere Vorstellung es hergibt, vermute ich mal", meinte Denis, und bespritzte sie mit dem Wasser.
"Hey, du Filou", rief sie und rannte fröhlich durch die Wellen.
Nach einer Weile setzte sie sich in den warmen Sand und wartete auf ihn.
"Wir sollten zurückkehren. Ich habe keine Ahnung, wie lange wir schon hier sind - ich habe so gar kein Zeitgefühl."
Wieder nahm er ihre Hand und zusammen dachten sie an das Haus im Speicher 0709 ... und standen im Wohnzimmer. Es war dunkel und niemand schien anwesend zu sein. So legten sie sich zusammen auf die Couch, um auf die anderen zu warten.

Eine Zeitlosigkeit machte sich allmählich in ihnen breit. Das Gefühl der Körperlosigkeit schien zuzunehmen und Denis fragte sich, ob er wirklich ein Schlafbedürfnis hatte oder nur schlafen wollte, weil er dachte, dass er es musste. Sein Bewusstsein dämmerte vor sich hin und plötzlich nahm er wahr, dass das Zimmer sich erhellt hatte und Tatjana und Larry vor ihnen standen.
"Wo wart ihr denn? Wir haben schon gedacht, ihr kommt gar nicht mehr wieder!"
Zu viert tauschten sie ihre Erfahrungen aus. Denis und Katja waren einen ganzen Tag lang weg gewesen und Tatjana und Larry hatten den Rest der Zeit im Haus verbracht.
"Wir kommen hier letzten Endes nicht weg", meinte Larry gerade. "Entweder wir landen in unseren eigenen Illusionen oder wir sind wieder hier."
"Schauen wir mal, was Jan dazu sagt", schlug Katja vor, "lasst uns mal intensiv an ihn denken."
"Hallo Leute", sagte Jan vielsagend grinsend, als sie die Augen wieder öffneten, "habt ihr euch schon eingelebt?"
"Das kann man wohl so sagen", erwiderte Tatjana. "War das Absicht von dir?"
"Hmh, ja ... ich dachte, ich lass euch mal so eure eigenen Erfahrungen machen. War's denn wenigstens schön?"
"Es war sehr interessant", gab Katja zu, "aber du wolltest uns doch zum Institut mitnehmen."
"Gut", meinte Jan, "dann gebt mir eure Hand, ich ziehe euch mit."
Sie bildeten eine Kette, gingen zusammen durch die Tür und fanden sich dieses Mal in den Gängen des Instituts wieder.
"Na, dann mal sehen, was unser Chef heute mit uns vorhat", sagte Jan fröhlich.
GOLEM-Einstein begrüßte die Truppe und wies ihnen eine Aufgabe zu. Jan machte sich ans Werk, während Herbert und Sue immer mal wieder wortlos zu ihnen sahen.
"Was können wir tun?", fragte Denis GOLEM.
"Ihr seid unsere Gäste, habt ihr einen Wunsch?"
"Ja, ich würde gerne mehr über das Quarantänefeld erfahren, mit dem du uns im Quantencomputer geschützt hast."
"Dazu kann ich wenig sagen, Denis, denn ich kann es dir in Worten leider nicht beschreiben. Man könnte sagen, der Informationsfluss der einzelnen Quantenteilchen wird verlangsamt."
Plötzlich meinte Jan: "Prof. Anderson, würden Sie für uns eine Vorlesung halten? Was meint ihr, Herbert und Sue?"
Die beiden antworteten jedoch nicht und so bot Katja Jan an, falls er Fragen hatte, diese gerne zu beantworten. Am Ende des Tages zog Jan die Truppe wieder in ihren Speichersektor und so vergingen die Tage immer gleichförmiger.
"Wir sind in diesem Haus oder im Institut", meinte Larry eines Abends nachdenklich und ernüchtert, "aber viel mehr passiert hier nicht."
"Ich nehme meinen Körper kaum noch wahr", ergänzte Tatjana, "auf der einen Seite fühle ich eine Art Leichtigkeit und es tauchen immer weniger intensive Gefühle auf. Das Bewusstsein, was ich bin, steht hier im Mittelpunkt."
"Ja, du hast recht", sagte Katja, "in unseren Forschungen ging es immer um genau das: Das Bewusstsein. Eine künstliche Intelligenz benötigt also nicht unbedingt einen Körper, um ein Bewusstsein zu haben. Genauso wie wir immer noch ein Bewusstsein ohne einen Körper haben."
"Was die Frage aufwirft: Wie weit sind Brooks und Schwarz eigentlich mit der Lösung? So langsam könnte doch mal eine Erfolgsmeldung kommen. Übrigens: Wie lange sind wir eigentlich schon hier?", meinte Denis.
"Fragen wir doch mal GOLEM", schlug Larry vor.
GOLEM-Einstein erschien einen Augenblick später: "Ihr befindet euch jetzt 6 Erdentage hier. Brooks und Schwarz sind auf einem guten Weg, euren Neurotransmitter zu deaktivieren. Morgen wird der erste Test stattfinden."
Erleichtert nahmen alle diese Information zur Kenntnis.
"Prima", meinte Denis, "dann warten wir mal ab."
Sie beschlossen, die Zeit bis dahin gemeinsam im Wohnzimmer zu verbringen. Tatjana und Larry hatten darum gebeten, da sie mit diesen zunehmenden Veränderungen nicht alleine sein wollten.
Man konnte sagen, die Gefühle begannen, die Farbe zu verlieren oder abzublassen, wie ein altes Bild, das zu lange der Sonne ausgesetzt war. Dazu die Wahrnehmung, dass kein Körper mehr vorhanden war, und das mit allen Konsequenzen. So konnten sich alle der Illusion des Essens zwar hingeben, aber es war im Grunde nicht notwendig. Der einzige Sinn, etwas bisher so lang praktiziertes aufrecht zu erhalten, war der, dem Dasein eine gewohnte, "normale" Struktur zu geben, nicht mehr und nicht weniger. Sie diskutierten intensiv darüber, froh, das gemeinsam tun zu können.
"Langsam kann ich gut nachvollziehen, warum die Uploads anfangs so instabil reagierten", meinte Katja irgendwann. "Ehrlich gesagt, ich hoffe, der Test verläuft positiv!"
"Wir werden es schon merken oder weiter hier unser Dasein fristen...", fügte Larry tonlos an. Nach seinen Worten herrschte eine zeitlose Stille.

Nach Luft schnappend öffnete Prof. Anderson die Augen und spürte, wie ihr Herz raste, während jemand bereits eine Injektion ansetzte.
"Prof. Anderson? Können Sie mich hören?", fragte Dr. Linster besorgt.
"Ja", krächzte sie unbeholfen und ermattet.
"Keine Sorge, wir kriegen Sie und die anderen schon wieder auf die Beine. Schlafen Sie jetzt ein wenig."
Und schon verschwamm alles vor ihren Augen und sie versank in der Dunkelheit.
Eine Woche später saßen sie alle zusammen im Konferenzzimmer des Instituts in Jülich.
Larry Packet goss sich bereits den dritten Kaffee ein, das Getränk mit allen Sinnen genießend.
"Hey, wie viel willst du noch davon trinken?", fragte Brooks grinsend.
"Das Leben ist wunderbar", strahlte Larry. "Ich genieße es in vollen Zügen!"
Tatjana, Katja und Denis saßen schon etwas nachdenklicher in ihren Sitzen. Devi fragte schließlich: "Es ist eine besondere Welt, nicht wahr?"
"Und du willst allen Ernstes irgendwann ganz dort bleiben, Sergey?", fragte Röttger.
"Ja", erwiderte Brooks schlicht.
"Es war eine beeindruckende Erfahrung und wir werden sicher noch eine Weile benötigen, um das zu verarbeiten", stellte Anderson fest.
"Leute, macht es euch nicht schwerer, als es ist", schlug Larry vor. "Ja, wir haben erlebt, wie sich ein Dasein ohne Körper anfühlt. Was mich dahin bringt, zu sagen: Es ist so wunderbar, sich wieder als Mensch mit allen Sinnen zu erleben. Und - ich werde diese Jahr definitiv meinen Urlaub in den Alpen verbringen!"
Alle lachten und beschlossen, ihren eigenen Wünschen im Leben mehr Raum zu geben.