Boris Iwanow

18.04.2019

Charakter in allen Büchern / E-Books der Trilogie

8. August 2018  (GOLEMs Rückkehr)

Boris Iwanow, russischer Oligarch, saß mit einem Wodka in der Hand in seinem Büro an Bord der Romanov 3, seinem Zuhause. Sie war eine schnittige, 80 Meter lange Yacht, die jetzt im Hafen von New York vor Anker lag. Iwanow lenkte sein ganzes Imperium vom Schiff aus und konnte, aus Sicherheitsgründen heraus, stets den Standort wechseln. Die Romanov 3 hatte einen Helikopter an Bord sowie 2 Beiboote mit Jetantrieb. Dazu kam eine Stealth Tarnung, die das Schiff für das Radar nahezu unsichtbar machte, und es war mit Raketenabwehrsystemen der neuesten Bauart bestückt. Der russische Staatspräsident Koslow war Miteigentümer an Iwanows Imperium und wollte natürlich die Kontrolle über seine Machenschaften behalten, daher war die Hochleistungsrechenanlage an Bord immer auch mit dem Kreml verbunden.

Sein Handy klingelte plötzlich und er erkannte an der Stimme Sergey Brooks, Mitinhaber von Alpha SKY 1, Mutterkonzern von FIND, die größte Internetsuchmaschine weltweit.
"Boris, hilf mir, ich bin im Labor von "Deep Mind". Alles läuft schief. Jetzt hör genau zu: Es gibt einen geheimen Aufzug, mit dem du rein kommst. Und hier ist der Code, damit du ihn benutzen kannst..." Brooks klang schwach und Iwanow hörte im Hintergrund entsetzliche Schreie. "Mach so schnell du kannst." Damit war die Verbindung beendet. Blitzschnell organisierte Iwanow alles telefonisch. Ein paar Leute, die zu Staatspräsident Koslows russischer Geheimpolizei gehörten und ein Van für den Krankentransport samt Arzt würden am Stammsitz von Alpha SKY in Washington bereit stehen. Nach einer Stunde Hubschrauberflug erreichte er Washington und nach 1,5 Stunden war er endlich vor Ort. Zusammen mit den Leuten betrat er den Aufzug, der leicht zu finden war, wenn man es denn wusste. Den Code eingebend waren sie hochgefahren und hatten das Labor betreten.
Im ersten Moment hätte er am liebsten schnell wieder kehrtgemacht, so entsetzlich stank es hier nach verbranntem Fleisch. Einer der Männer musste würgen und dann sahen sie, was die Ursache war: Im Labor hing ein Mensch auf einer Liege an Kabelsträngen, die, einschließlich des Kopfes der Person, allesamt schwarz und verschmort waren. Der Körper hatte sich gequält im Todeskampf aufgebäumt und entsetzt beobachteten sie, wie sich eine Hand noch leise zu bewegen schien. Aber das war nicht ihre Sache und so schnappten sie sich Brooks, der zusammengekrümmt in der Ecke lag, und verließen den Raum schnell wieder. Endlich war Brooks im Van verstaut und sie fuhren los. Er schien einiges abbekommen zu haben, aber das würde schon wieder, dachte Iwanow.
Nach dem Stadtverkehr nahmen sie Fahrt in Richtung New York auf. Sie waren kurz vor New York, als der Fahrer plötzlich aufgeregt rief: "Was machen diese Idioten denn!"
Iwanow schaute auf, realisierend, dass zwei Autos mit wahnsinniger Geschwindigkeit auf sie zurasten, anscheinend, um ein Wagenrennen zu veranstalten. Leider befand sich einer davon auf ihrer Fahrbahn. Sein Fahrer versuchte, dem Kollisionskurs auszuweichen und schrammte an der Leitplanke entlang und kam danach ins Schleudern. Das Auto wirbelte herum, bis es endlich zum Stehen kam. Der Van hatte nicht soviel Glück - er durchbrach die Leitplanke der Autobahn und fiel ca. 10 Meter in die Tiefe, überschlug sich und blieb auf dem Dach liegen. Sie suchten nach einem Weg, um mit dem Auto so nahe wie möglich heranzufahren und rannten zum Wagen. Der Fahrer rappelte sich gerade blutüberströmt heraus. Nach dem Öffnen der festgeklemmten Tür stellte sich heraus, dass der begleitende Arzt wie durch ein Wunder nur etliche Prellungen und ein paar kleinere Verletzungen abbekommen hatte.
Brooks aber hatte es übel erwischt, wenn er denn überhaupt das Ganze überleben würde. Er hatte bewusstlos auf der Bahre gelegen und diese hatte ihn beim Sturz unter sich begraben, so dass sein Gesicht zerschmettert schien. Blut rann ihm aus Nase und Ohren, ein Arm schien mehrfach gebrochen aus und musste abgebunden werden, da anscheinend eine Arterie verletzt worden war. Aus einem Bein ragte ein Knochen heraus. Brooks wurde auf einen Rücksitz gelegt und notdürftig verbunden. Währenddessen hatte ein anderer Mann die Nummernschilder entfernt und den Wagen in Brand gesetzt, um alle Spuren zu beseitigen. Nach 10 Minuten war alles geschafft und sie machten, dass sie davon kamen. Nach einer halben Stunde waren sie am Hafen. Brooks wurde zugedeckt verladen und sofort von einem weiteren Team versorgt, das Iwanow unterwegs telefonisch zum Schiff geordert hatte. Die Romanov 3 legte ab und stach in See. Koslow hatte ihm bereits klare Anweisungen gegeben, was er zu tun hatte. Und so startete sein Hubschrauber mit Brooks und einem Arzt, der ihn mittlerweile notdürftig stabilisiert hatte, nach dem Erreichen der 12-Meilen-Zone nach Kuba.
Nachdenklich blickte er ihm nach. Ja, Sergey Brooks hatte hoch hinaus gewollt und nun war er tief gefallen. Trotzdem - er kannte ihn schon lange und so ein Schicksal wünschte er niemandem. Viel Glück, alter Partner, rief er ihm in Gedanken nach.
Iwanow ging in die Zentrale zum Kapitän. Sein nächstes Ziel war Marseille, da Koslow dort am 14. August eine Konferenz geplant hatte, die mit Staatsgästen auf seinem Boot abgehalten werden sollte. Daher musste er einen Zahn zulegen.

5. September 2018

Anfang September kehrte er schon wieder nach New York zurück. Marseille war zu der Zeit, wie ganz Süd-Frankreich, touristisch komplett überlaufen, sodass er nach dem Treffen der Staatspräsidenten schon bald wieder abgelegte. Im Hafen von New York angekommen, machte er Termine mit Bauträgern aus, um sich verschiedene Immobilien anzuschauen. Danach würde er entscheiden, ob sich eine Investition lohnen würde.

Iwanow war gerne in New York, einer quirligen und betriebsamen Großstadt. Der Trump Tower und die 5th Avenue waren gute Orte, um shoppen zu gehen und Leute zu treffen. Es war ein angenehmer Spätsommertag und er dachte, es wäre eine gute Sache, Chloé wiederzusehen. So rief er den Escort Service an, um sie für morgen Abend zu bestellen. Chloé war eine attraktive, junge Studentin Anfang 20, die in Washington ihren Bachelor in Psychologie anstrebte und sich auf diese Art etwas dazu verdiente. Wie in allen Großstädten waren die Mieten hoch und ihr Stipendium reichte nur für das Nötigste. Er hatte sie schon öfter gebucht und sie war ein nettes Mädchen, das ihn in die New Yorker Nachtclubs begleitet hatte und mit der man sich auch noch gut unterhalten konnte.
Iwanow umgab sich gerne mit gut aussehenden, jungen Damen. Er genoss es, sie mit seinen finanziellen Möglichkeiten zu beeindrucken und die begeisterten Gesichter zu erleben, wenn er sie anschließend über Nacht auf seine Yacht einlud. Fast immer ging es über das, was ausgemacht war, hinaus, je nachdem, was die betreffende Dame zulassen wollte. Sie erhielt dann zum Abschied ein goodie bag mit üppigem Inhalt, was automatisch das Ende dieses Kontaktes bedeutete. Das war seine eiserne Regel: War man einmal miteinander im Bett gewesen, wurde es früher oder später schwierig und der Spaß hatte ein Ende, da die Damen anfingen, sich Hoffnungen zu machen. Eine Scheidung hatte ihm genügt und so hatte er entschieden, das Leben in vollen Zügen ungebunden zu genießen. Chloé jedoch war bisher zurückhaltend geblieben und er mochte sie; so war sie zurzeit seine Favoritin in New York.
Am nächsten Tag rief die Agentur morgens an und teilte ihm mit, dass es bedauerlicherweise Chloé nicht möglich sein würde, zu kommen. Ob er mit Alina als Ersatz einverstanden wäre? Ungehalten hatte er erwidert, dass er nur Chloé wollte und sonst niemanden. Die Dame entschuldigte sich wortreich, aber er bestand auf seinem Wunsch, den Preis ins Astronomische erhöhend, wenn sie ihm dabei behilflich sein wollte. Wozu hatte man Geld, hatte er insgeheim gedacht, wenn nicht dafür, dass man sich jeden nur erdenklichen Wunsch erfüllen konnte?
Schließlich hatte sie sich bereit erklärt, mit Chloé zu sprechen und sich dann umgehend bei ihm zu melden. Nach einer halben Stunde erhielt er einen weiteren Anruf, in dem sie die Absage erneuerte. Die Ursache für die Weigerung der ausgesuchten Dame sei familiärer Natur. Es handelte sich um einen Todesfall, der es ihr unmöglich machen würde, zu erscheinen.
Iwanow schwieg einen Augenblick. Eigentlich müsste ihr doch ein wenig Abwechslung willkommen sein, dachte er bei sich und verlangte: "Teilen sie ihr mit, dass sie mich umgehend anruft. Ich werde selbst mit ihr reden. Für den Vermittlungserfolg erhalten Sie selbstverständlich den versprochenen Betrag, wie vorhin besprochen." Nach 10 Minuten meldete sich sein Handy. Er nahm an und sagte erwartungsvoll: "Chloé?" Gleichzeitig ließ er seine Ortungssysteme laufen, die herausfinden sollten, wo sie sich befand. Wenn der Prophet nicht zum Berg kam, würde eben der Berg zum Propheten kommen, dachte er schmunzelnd. Das würde sie sicher beeindrucken!
"Was fällt Ihnen ein, Druck auf die Agentur auszuüben, nur weil Sie nicht bekommen, was Sie wollen?", ertönte eine wütende Stimme.
"Chloé?", fragte er verdutzt.
"Jawohl, in voller Person. Ihr Benehmen ist das Letzte! Ich werde heute und auch sonst nicht mehr zu Ihnen kommen, vergessen Sie es."
Ehe er einen Ton sagen konnte, hatte sie aufgelegt. Nachdem er sich von seiner Verblüffung erholt hatte, wurde er wütend. Was fiel dieser Zicke ein, ihn so anzuschreien? So umwerfend war sie nun auch wieder nicht! Er konnte jede haben ... und so brauchte er sich nicht behandeln lassen. Sein Ortungssystem hatte ihm mittlerweile mitgeteilt, dass ihr Handy sich auf einem Areal in Staten Island befand. Den Stimmen im Hintergrund nach war sie in einem Restaurant und - auf der Karte nachschauend - gab es dort nur drei Möglichkeiten: Angelina's, Deluca's Italian Restaurant oder die South Shore Grill Bar.
Iwanow schaute auf die Uhr: Es war 12.00 mittags und er hatte sowieso jetzt nichts anderes vor. Es würde sicher amüsant werden. Mmh, eine Beerdigung? Die war wohl schon vorbei, wenn sie jetzt im Restaurant saß. Also würde er mit einem entsprechenden Blumenstrauß sein Beileid bekunden und sich die Sache mal anschauen. Auf diese Art ließ er sich jedenfalls nicht abservieren.
Gesagt getan. Nach einer halben Stunde war er vor Ort und klapperte die drei Lokalitäten ab. Und tatsächlich, im Angelina's fand er sie.
Da das Wetter schön war, hatte man Tische im Garten aufgebaut. Eine große Gesellschaft war zusammen gekommen; manche saßen am Tisch, einige holten sich das Essen am Büffet, andere standen an Tischen und so würde es ein leichtes sein, sich darunter zu mischen. Er positionierte sich an einem der Stehtische und wartete einfach mal ab, bis sie ihn, sicher überrascht und hoffentlich doch ein wenig erfreut, bemerken würde. Sie sah anders aus als sonst: Das blonde Haar hatte sie zum Pferdeschwanz hochgebunden und ihr Gesicht war, wie immer, nur dezent geschminkt; sie trug ein langes, schwarzes T-Shirt mit V-Ausschnitt und schwarzem Spitzenbesatz am Saum, eng anliegende Jeans und ein paar schwarze Boots. Als Schmuck sah er ein paar große runde Ohrringe und eine recht sportive Uhr am Handgelenk. Sie gefiel ihm in diesem schlichten Outfit auch, dachte er, sicher nicht so präsentierbar wie sonst, aber irgendwie natürlicher. Eigentlich betonte es ihre Weiblichkeit noch mehr, stellte er fest, sie wirkte zart und verletzlich. Plötzlich sah Chloé in seine Richtung und erstarrte.
Siegesbewusst lächelte er sie an, mit seinem großen Blumenstrauß aus weißen Rosen winkend. Chloé erhob sich, ging auf ihn zu und als er ihre Augen sah, dämmerte ihm, dass es wohl nicht ganz so werden würde, wie er es sich vorgestellt hatte.
"Was fällt Ihnen ein, hierher zu kommen?", sagte sie leise und wütend.
"Ich dachte, da Sie nicht zu mir kommen, komme ich mal zur Abwechslung zu Ihnen. Mein Beileid", sagte er und reichte ihr den Strauß. Sie ignorierte ihn und zischte ihm nur zu: "Verschwinden Sie! Sie sind hier nicht willkommen."
Sie drehte sich um, um wieder zu gehen, als sich plötzlich eine ältere Dame näherte und sagte: "Wer ist denn das, Joanna? Sind Sie auch ein Bekannter meines Mannes?"
Eine Dame, Mitte 50, stand vor ihm und musterte ihn aufmerksam und was sie sah, gefiel ihr. Warum hatte ihre Nichte nichts von ihm erzählt? Ein ansprechender Mann, stand vor ihr, ca. 1.80 groß, Bart, schlank, dunkle Haare, die oben eine leichte Krause hatten, und funkelnde, braune Augen, die lebenserfahren in die Welt schauten. Er war zwar älter als sie - sie schätzte ihn auf Ende 30, Anfang 40 - aber wenn Joanna ihn mochte, dann war sicher nichts gegen ihn einzuwenden.
"Nein", sagte Iwanow schnell, "aber ich bin ein Freund von Joanna. Ich muss gestehen, dass ich sie etwas erzürnt habe. Wir sind im Streit auseinander gegangen und das wollte ich wieder gutmachen." Er lächelte sie treuherzig an, sofort spürend, dass er in ihr eine Verbündete gefunden hatte.
"Dann seien Sie willkommen, ich bin Catherine Harding, Mr. ...?" Sie sah ihn fragend an. "Boris Iwanow", erwiderte er erfreut, ihr die Hand gebend. Mein aufrichtiges Beileid", sagte er und reichte ihr den Strauß Rosen.
"Das ist wirklich sehr aufmerksam von Ihnen. Joanna, du bist sehr unhöflich. Warum bietest du unserem Gast keinen Platz an?" Damit wandte sie sich schmunzelnd ab und überließ das Paar, wie sie meinte, sich selbst. Sie hatte Joanna sehr gerne, aber schließlich war sie jung und sollte, ungeachtet vom Tod ihres Mannes, ihr Leben auskosten.
Iwanow hatte das kleine Schauspiel bis jetzt sehr genossen, aber ein wenig mehr Strafe musste noch sein. Während sie jetzt etwas ratlos vor ihm stand, legte er einen Arm fest um ihre Hüfte, so dass sie nicht weglaufen konnte und meinte grinsend: "Wir sollten uns aussprechen, meinst du nicht, meine entzückende Joanna?"
Sie funkelte ihn wütend an. Ungerührt beugte er sich zu ihr hinunter, um ihre wunderbaren, einladend vollen Lippen langsam und genüsslich zu küssen. Überrascht schaute er auf, als sich eine sehnende Süße in ihm auszubreiten begann. Joanna sah ihn ebenfalls mit großen Augen atemlos an, ihre Lippen schienen zu zittern und sich leicht zu öffnen. Und so umfing er sie jetzt mit beiden Armen und versenkte sich in ihre Weichheit und in diese Süße, die in immer stärkeren Wellen in ihm aufzubranden schien. Iwanow nahm auf einmal wahr, wie sie anfing, sich gegen ihn zu stemmen, um ihn abzuwehren und er flüsterte ihr liebkosend ins Ohr: "Oh nein, mein Vögelchen. Ich habe dich eingefangen und jetzt bist du mein."
Peng ... er taumelte von der Wucht des Schlages zur Seite, sie jäh loslassend. Joanna stand aufgewühlt vor ihm: "Verschwinden Sie auf der Stelle, sonst rufe ich die Polizei! Lassen Sie sich nie wieder blicken!" Gleichzeitig drehte sie sich um und ging in Richtung ihrer Tante, die ihre aufgelöste Nichte mit einem fragenden Blick in Empfang nahm. Er entschied, das Fest besser zu verlassen, ehe sich noch eine unangenehme Situation ergab. Seine Rache für ihren Auftritt hatte er in jedem Fall gehabt.

Auf dem Heimweg stellte er allerdings ärgerlich fest, dass sich die Genugtuung darüber nicht einstellen wollte. So steuerte er die 5th Avenue an, um sich dort einen Kaffee im Bluestone Lane zu gönnen und sich ein bisschen treiben zu lassen. Schließlich rief er die Agentur an und sagte der Dame, dass er sehr zufrieden gewesen sei mit ihrem Service und der Betrag, wie heute Morgen vereinbart, bereits unterwegs sei. Allerdings wünsche er sich für heute Nachmittag, einschließlich des Abends, Alina. Schließlich hatte er sein Date und war zufrieden. Es wäre ja gelacht, wenn er dieses Mädchen nicht aus dem Kopf bekam. Letzten Endes waren sie doch alle irgendwie austauschbar.
Alina war eine freundliche, sanfte Studentin mit guter Figur, dunklen Haaren und einem reizenden Schmollmund. Er lud sie zum Shoppen ein und sie suchte sich unter seiner Führung ein teures Kleid und ein paar exklusive High Heels aus, die sie sofort begeistert trug. Iwanow ging mit ihr im Central Park spazieren, lud sie in ein exklusives Restaurant ein und später auch auf seine Yacht. Staunend ließ sie sich von ihm das Schiff zeigen und so unternahm er mit ihr eine Tour auf dem Meer. Mit dem kleinen Beiboot fegten sie beide lachend durch die Wellen, gingen schwimmen und später, als sie im Mondschein neben ihm auf dem Deck saß, neigte er sich zu ihr, um sie zu küssen. Sie ließ es aufgeregt und erwartungsvoll geschehen und das Verlangen, das sofort in ihm aufstieg, tat sein übriges. Die Nacht war warm und seine Crew hatte sich wie immer dezent in ihre Kabinen zurückgezogen. Im Morgengrauen wachte er auf, Alina schlief neben ihm. Er stellte fest, dass er sich befriedigt fühlte, aber diese so anziehende Süße, die er mit Joanna gespürt hatte - die hatte er nicht erlebt. Alina regte sich schlaftrunken neben ihm und so wandte er sich ihr wieder zu.
Später am Vormittag fuhren sie nach New York zurück und beim Abschied überreichte er ihr lächelnd eine kleine, reizende Abendtasche, die einen vierstelligen Betrag an Banknoten und ein teures Parfüm enthielt. "Oh", meinte sie entzückt, als sie hineinschaute, "das ist wirklich sehr großzügig." Dann fuhr er sie mit seinem Ferrari zur nächsten Metro, ihren fragenden Blick ignorierend, als sie ausstieg.
"Alles Gute, Alina", sagte er und küsste sie zum Abschied. Leicht enttäuscht marschierte sie von dannen.
Die nächsten Tage vertiefte er sich in Arbeit, sah sich jede Menge Apartments an, kaufte einige, die er für interessant hielt für sich oder, nach Rückfrage, auch für Koslow.
Es war eine Woche vergangen und allmählich verlor er die Geduld mit sich selbst. Er hatte sich noch ein Mädchen kommen lassen und das Resultat war dasselbe. Was ihn früher vollkommen zufrieden gestellt hatte, schien ihm auf einmal nicht mehr zu genügen. Joanna ging ihm nicht aus dem Kopf. Zappelte er jetzt etwa am Angelhaken dieser kleinen, blutjungen Studentin? Er trommelte mit den Fingern auf dem Tisch herum. Verfluchte Frauen, dachte er ärgerlich, es ging nicht mit ihnen und es ging auch nicht ohne sie. Aus dem Fenster seiner Yacht auf den Haufen schauend überlegte er, dass es vermutlich war es das Beste war, er würde den Kelch leeren, den er sich selbst eingegossen hatte. Früher oder später würde diese verflixte Anziehung nachlassen und dann hatte er seine alte Freiheit wieder. Gesagt getan.
Iwanow ließ über das Restaurant die Adresse der Tante herausfinden und stattete ihr als Erstes, mit einem Blumenstrauß in der Hand, einen Besuch ab. Sie öffnete ihm erstaunt die Tür: "Mr. Iwanow, welche Überraschung, aber ... meine Nichte ist nicht hier."
"Verzeihen Sie die Störung, aber ich möchte Sie um Unterstützung bitten. Joanna will mich zurzeit nicht sehen und vielleicht haben Sie einen Tipp für mich?"
"Na, dann kommen Sie mal herein", meinte sie. Während sie ihm einen Kaffee zubereitete, setzte er sich mit in die Küche und begann zu erzählen. Dass sie sich unter anderem Vorzeichen kennengelernt hatten und er sich nun in sie verliebt habe. Vermutlich hatte ihre Nichte seine Absichten aber missverstanden und deshalb sei er hier. Catherine Harding sah ihn prüfend an. Joanna hatte ihr die ganze Wahrheit erzählt. Sie wusste jetzt, dass sie hin und wieder beim Escort Service etwas Geld verdiente, wo sie diesen Boris kennengelernt hatte. Zunächst hatte sie die Hände über den Kopf geschlagen, aber ihre Nichte hatte ihr versichert, dass es immer nur ein reiner Begleitservice gewesen war, der seine Regeln und Grenzen hatte. Allerdings hatte sie ihr auch erzählt, dass Boris ihr wie ein Playboy vorkam, der meinte, nur mit dem Finger schnippen zu können, damit ihm die Frauen zu Füßen lagen. Sie hatte Joanna schweigend angesehen, die mit Tränen in den Augen dasaß, und ihr sehr wohl angemerkt, dass da noch mehr war.
Nun, das sollen die beiden selber regeln, dachte sie, aber die private Adresse würde sie ihm nicht geben. So sagte sie ihm nur, in welcher Universität er sie finden konnte und wünschte ihm viel Glück.
Iwanow fand heraus, in welchen Vorlesungen sie sich eingetragen hatte und so stand er zwei Tage später vor dem Hörsaal und wartete mit einem großen Strauß roter Rosen auf sie. Schließlich kam sie, wie letzte Woche in Jeans, Boots und einem einfachen, blauen Sweatshirt mit einigen Büchern unter dem Arm. Als sie ihn mit den roten Rosen in der Hand da stehen sah, erstarrte sie leicht errötend, um dann wortlos an ihm vorbeizugehen.
Sofort war er neben ihr: "Joanna, ich entschuldige mich für mein schlechtes Benehmen!" Sie sah ihn nicht an und wurde immer schneller: "Lassen Sie mich in Ruhe!"
"Joanna, bitte, jetzt bleib stehen und schau mich an", sagte er mit einem Anflug von Ärger in der Stimme und fasste nach ihrem Arm.
"Lass mich sofort los!" Sie funkelte ihn an und er bemerkte, dass ihr Mund leicht zitterte. Und wieder spürte er diesen süßen Zug in sich, der ihn die letzte Zeit so unruhig hatte werden lassen.
"Gut, aber versprich mir, nicht gleich wieder wegzurennen, einverstanden?"
Sie nickte wortlos und er fuhr fort: "Gehen wir in ein nettes Café deiner Wahl und unterhalten uns ein wenig. Mehr möchte ich nicht." Sie wandte sich ab und schweigend gingen beide zu einem Starbucks Coffeeshop, in dem sie und andere Studenten sich öfter aufzuhalten schienen. Als sie sich schließlich, mit einem Cappuccino in der Hand, gegenüber saßen, begann er: "Wirklich, Joanna, ich darf doch Joanna sagen? Es tut mir leid, wie ich mich benommen habe. Ja, du hattest ganz recht, ich war aus einem anderen Grund gekommen und hatte nichts anderes verdient. Das war ein ordentlicher Schlag", er fasste sich grinsend an die Backe, während sie erneut fein errötete und ihn prüfend betrachtete.
"Aber es ist etwas zwischen uns passiert, womit ich nicht gerechnet hatte", Iwanow sah sie direkt an, "denn anscheinend habe ich mich in dich verliebt."
In der darauffolgenden Stille, in der keiner ein Wort sagte und beide sich anschauten, abwartend, was geschehen würde, schien alles und nichts möglich zu werden.
Schließlich holte sie tief Luft und sagte: "Weißt du, Boris, wenn du nicht du wärest, wäre ich jetzt einfach nur glücklich. Aber ich weiß, wie es bei dir läuft, denn wir Mädels in der Agentur reden miteinander."
Sie ließ ihr Worte wirken und Iwanow dachte, verdammt! Dann wusste sie wohl von Alina und von Hélène. Was jetzt? Da half nichts: Wenn er bei ihr etwas erreichen wollte, dann musste er die Karten auf den Tisch legen.
"Joanna, ich will ehrlich sein: Ich habe versucht, dich aus meinem Kopf zu kriegen. Das war der Grund für die weiteren Dates, nicht mehr und nicht weniger, da will ich gar nichts beschönigen. Aber es hat nicht funktioniert ... und deshalb bin ich hier."
Iwanow sah sie abwartend an, spürend, dass er den richtigen Ton getroffen hatte, denn sie wirkte etwas verwirrt und ratlos.
"Ich weiß nicht recht", sagte sie auch schon, "ich habe keine Lust, mich auf dich einzulassen und einen Tag später ein nettes Abendtäschchen in die Hand gedrückt zu bekommen." Ihr Tonfall wurde entschlossener.
"Gut", sagte er schnell, "wie wäre es, wenn wir uns erst einmal richtig kennenlernen und alles andere hintenan stellen? Und mehr nur, wenn und falls du es willst."
Nach einer Weile sagte sie leise: "Damit bin ich einverstanden."
"Ich freue mich, Joanna", strahlte er sie an und entspannte sich. Er würde sich dieses Mal für seine Werbung sehr viel Zeit nehmen, was eine neue Erfahrung für ihn war. "Also, dann erzähl doch mal. In welcher Vorlesung warst du vorhin?"
So saßen sie noch eine ganze Weile, bis sie auf die Uhr schaute und meinte, dass ihre nächste Vorlesung beginnen würde. Sie verabredeten sich für den morgigen Abend, um in einem Restaurant essen zugehen. Im Laufe der nächsten Wochen nahm er aktiv an ihrem Leben teil und ließ sie, in Grenzen natürlich, auch in seines schauen. Iwanow begann, sich genauso zwanglos zu kleiden und tauchte interessiert in ihre Welt ein. Er fand sich auf Studentenpartys wieder, in Diskussionen über diverse, psychologische Theorien verstrickt und trank viele Kaffees mit ihr im Starbucks, manchmal auch zusammen mit ihren Studienkollegen. Er erkannte bald, dass ihr an Luxus nicht soviel lag, wie er gedacht hatte und es ihr eher auf die Gemütlichkeit und Atmosphäre ankam. In einem extravaganten Kleid sah er sie eigentlich nur noch, wenn sie ins Theater gingen oder er mal wieder in einer der Nachtclubs abtanzen wollte oder er sie extra darum bat. Nach einigen Wochen wagte er es schließlich und bat sie, für eine Fahrt auf das Meer auf seine Yacht zu kommen, um erst am Morgen zurückzukehren. Joanna hatte ihn einen Moment lang unergründlich angesehen und dann, zu seiner Freude, zugestimmt. Es war ein sonniger Tag im späten Oktober, den sie bei einer kleinen Tour sonnenbadend auf dem Vordeck verbrachten. Später am Abend saßen beide unter sternenklarem Himmel lange nebeneinander, die Schönheit der Nacht auf dem Meer genießend. Schließlich holte er eine große Decke und bat: "Komm zu mir, es ist kalt." Er streckte die Hand aus und Joanna kam zu ihm, sich an ihn schmiegend, während er sie beide schützend einhüllte. Iwanow hielt sie im Arm, ihr zärtliche Worte zuflüsternd, und Joanna zog ihn irgendwann zu sich hinunter, um ihn sehnsüchtig zu küssen. Wie Verdurstende tranken sie von den Lippen des anderen und als die ersehnte Süße in immer höher brandenden Wellen über beide hinweg schwappte, trug er sie in seine Kajüte. Sie zog sich wortlos unter seinen bewundernden Blicken aus und kam, wie eine Venus, mit leuchtenden Augen auf ihn zu.

Am nächsten Morgen wachte er auf und betrachtete er sie eine Weile. Er fühlte sich anders als sonst, stellte er schmunzelnd fest: zufrieden wie eine Katze, die den Sahnetopf erwischt hatte. Sie wachte auf und kuschelte sich in seine Arme, seinen Blick erwidernd.
"Und", fragte sie schelmisch, "wo ist jetzt das Abendtäschchen?"
Er lächelte sie hingerissen an. Schließlich grinste er spitzbübisch: "Das, meine Liebste, bekommst du leider nicht!" Die Worte, zu denen sie ansetzen wollte, blieben ungesagt, denn er hatte sich bereits wieder über sie gebeugt.

Ende November 2018 startete Iwanow mit der Romanow 3 wieder in See, wissend, dass er erst kurz vor Weihnachten wieder bei ihr sein konnte. Arbeit war eben Arbeit und wenn Staatspräsident Koslow etwas wollte, dann bekam er es auch.
Sie hatten sich letzte Nacht noch geliebt und heute Morgen hatte Joanna lange nach dem Abschied am Pier gestanden, bis die Romanov 3 nur noch ein kleiner Punkt am Horizont war, wie er mit dem Fernglas beobachtet hatte. Dieses Mädchen war etwas Besonderes, ging ihm durch den Sinn, und sie wollte kaum etwas von ihm. Genauer gesagt nichts, aber er hatte sie in den Arm genommen und ihr erklärt, dass sie wenigstens das, was sie beim Escort Service normalerweise verdient hätte, doch von ihm annehmen sollte. Denn ihr Stipendium war mager und er wollte nicht, dass sie diese Tätigkeit noch länger ausübte. Damit hatte sie sich, nach einigen überzeugenden Liebkosungen seinerseits, schließlich einverstanden erklärt.
Schon nach einigen Tagen begann er, sie zu vermissen: ihre gemeinsame Leidenschaft, ihre Schönheit, ihre Natürlichkeit und ihren Stolz... an den langen, einsamen Abenden fielen ihm viele kleine Szenen mit ihr ein. Er rief sie dann an, einfach nur, um ihre Stimme zu hören.
Iwanow dachte an jenen Abend im September, an dem er noch der festen Überzeugung gewesen war, wie schnell er sich wieder befreit haben würde, wenn er sich nur auf das Abenteuer einließe... Ja, Joanna hatte ihm am Haken, aber war er unglücklich darüber? Stattdessen sehnte er sich diesen Stachel im Fleisch auch noch herbei! Verrückte Welt, dachte er, und goss sich grinsend einen Wodka ein.

Schließlich war er am 20. Dezember 2018 wieder in New York und stand aufgeregt vor ihrer Tür, um sie abzuholen, bis über beide Ohren verliebt wie ein Schuljunge. Joanna warf sich überglücklich in seine Arme und sie hatten nur noch Augen füreinander. Über Weihnachten besuchte er mit ihr ihre Tante und lernte ihre Eltern kennen, sowie den Bruder, die alle in Connecticut lebten. Danach waren sie wieder für sich und, wie sich im Nachhinein herausstellte, wurde sie in dieser Zeit schwanger mit Nikolai, seinem Sohn.

Mitte Januar 2019 ging er auf Tour und kam erst Ende Februar 2019 wieder zurück. Als Joanna ihm die Nachricht verkündete, hatte Iwanow sie überrascht angestarrt. Seine Ex-Frau hatte ihm keine Kinder geboren und so hatte er Joanna voller Freude wie einen Schatz auf den Armen umhergetragen, ergriffen von dem Glück, das ihm geschenkt wurde. Natürlich mussten jetzt jede Menge Pläne geschmiedet werden. Eine andere Wohnung, ein Kindermädchen, sie wollte ja ihr Studium beenden ... bis er merkte, dass sie immer stiller wurde.
"Was ist los?", er schaute sie fragend an.
"Und wie geht es jetzt mit uns weiter, wo das Kind kommt?"
"Genauso wie vorher auch", hatte er gesagt.
Sie hatte geschwiegen und allmählich dämmerte es ihm.
"Joanna, du kennst meine Einstellung zum Thema Heirat. Und daraus habe ich nie ein Geheimnis gemacht, mein Schatz", dabei nahm er sie fest in den Arm. "Ich liebe dich und bin überglücklich über unser Kind." Er streichelte sie zärtlich und fragte: "Was genau ändert sich durch ein Kind für dich? Denn finanziell musst du dir keinerlei Sorgen machen."
Joanna sagte nach einer Weile: "Vielleicht ist es die Tradition, dass man eben heiratet, wenn ein Kind kommt und ich könnte schief angeschaut werden. Oder ich mir im Grunde dann eine richtige Familie wünsche, und da schien eine Heirat immer dazu zu gehören..." Sie sah ihn nachdenklich an. Er mochte es, wenn sie so selbstkritisch und klug reflektierte, was zu ihrer Berufswahl als angehende Psychologin gut passte. Manchmal fiel für ihn natürlich auch etwas ab, was er sich dann ruhig anhörte und auf sich wirken ließ. Frauen wollten immer gerne die Männer verändern, aber manches hatte sie ganz richtig beurteilt. Seine kluge Joanna.
Letzten Endes akzeptierte sie seine Entscheidung und sie suchten nach einer gemeinsamen Wohnung, groß genug für ein Kinderzimmer und einem Arbeitszimmer für sie und ihre Studien. Schließlich fanden sie ein schönes 3-Zimmer-Appartment in der Nähe der 5th Avenue, das er insgeheim kaufte, denn es war in dieser Lage auch eine gute Investition.
Etwas mehr Überredungskunst schien nötig, sie zu einem anderen, größeren Auto zu bewegen - sie würde mehr Platz benötigen, wenn das Kind erst einmal da war.
Es war ihr anzusehen, dass sie sich damit nicht wohlfühlte und so hatte er es erst einmal gelassen, um später noch einmal darauf zurückzukommen. Aber als sie plötzlich verkündete, dass sie ihm für das Apartment Mietgeld bezahlen wollte, hatte er entschieden den Kopf geschüttelt. Joanna überraschte ihn mal wieder mit ihren Ansichten und nach einem heftigen Wortwechsel, in dem sie ihm mit funkelnden Augen vorwarf, er wolle sie wohl in einen goldenen Käfig stecken, hatte er sie sprachlos angestarrt. On top erklärte sie abschließend, dass sie Wert auf ihre Unabhängigkeit legen würde. Iwanow war ratlos. War das die Rache, weil sie keinen Ring an den Finger bekam? Verärgert sagte er ihr das auf den Kopf zu und so hatten sie ihren ersten, richtigen Streit, bei dem sie wütend sein Schiff verließ und ohne einen Abschiedskuss davonfuhr. Nachdenklich und aufgewühlt sah er ihr hinterher. War das der Anfang vom Ende?
Ein paar Tage lang herrschte Funkstille und dann rief ihn Staatspräsident Koslow Anfang März an. Am 4. März würde eine Sitzung mit James Beduin, dem Chef von AMAGON, in Washington stattfinden, an der er teilnehmen sollte. (Print / E-Book "Das Zeitalter der KI beginnt") So ganz wohl war ihm nicht, sie in dieser Stimmung alleine zu lassen, aber es musste sein und so legte er ab, ihr eine kurze SMS sendend. Joanna antwortete, dass eine Pause für sie beide wohl ganz passend wäre und wünschte ihm eine gute Reise. Iwanow hatte lange auf die Zeilen gestarrt. Er würde sich für keine Frau mehr zum Narren machen und so sagte er nichts dazu. Wenn es denn so sein sollte, dann war es eben so.

Ende März 2019

Iwanow hatte sich in Washington viel Zeit gelassen und auch so einiges erledigt. Die Konferenz mit Beduin lag jetzt ein paar Wochen zurück und hatte ihn stark beschäftigt. Diese KI GOLEM war ein kluger Geschäftspartner, wenn sie denn ein Mensch gewesen wäre. Er hätte es nicht besser machen können. Das Angebot war verlockend und so hatten schließlich alle Firmenchefs zugestimmt. Er konnte jetzt sogar mit GOLEM direkt kommunizieren, wenn er wollte.
Nachdenklich saß er in der geräumigen Lounge im Cockpit seines Schiffes, einen Espresso vor sich, und schaute abwesend auf den laufenden, großen TV Bildschirm.
Vergangene Woche hatte er sich lustlos ein Girl vom Escort Service in Washington kommen lassen. Es war eine Augenweide von einem Mädchen gewesen: lange, lockige, blonde Haare, sehr sexy, große blaue Augen und eine top Figur. Auf der Straße hatten ihr die Männer reihenweise nachgesehen und er hatte die übliche Tour gemacht: Einen Einkaufsbummel, bei der sie sich Sachen aussuchen durfte, ein Essen und eine Einladung auf sein Boot mit anschließender Übernachtung. Als sie jedoch abends in der Lounge Platz nahm und ihn erwartungsvoll mit leicht geöffneten Lippen lächelnd anschaute, die langen Beine in den High Heels übereinander schlagend - hatte er spontan gegenüber von ihr Platz genommen. Sie hatten sich noch ein wenig unterhalten; später hatte er sie zu ihrer Kajüte begleitet und ihr eine gute Nacht gewünscht. Etwas überrascht, dass nichts passierte, hatte sie vor ihm gestanden und ihn dann verheißungsvoll geküsst. Sie roch gut und er hatte den Kuss im ersten Impuls auch leidenschaftlich erwidert. Schließlich aber hatte er von ihr abgelassen und war einfach gegangen. Sicher hätte er gekonnt, wenn er gewollt hätte, aber außer einem rein sexuellen Verlangen war da nichts, was ihn an dieser Frau anzog. Iwanow erkannte, dass er es am nächsten Morgen bereut hätte.
Soweit war es also mit ihm gekommen, stellte er fest, einerseits etwas grummelnd, andererseits ergeben seufzend. Seine Joanna ... er musste sich eingestehen, dass ihm viel an ihr lag. Aber er verstand sie einfach nicht. Warum nahm sie nicht an, was er ihr geben wollte? Er griff zum Hörer und rief Beduin an, der gerade seine Scheidung am Hals hatte, und verabredete sich mit ihm in einem Café. Vielleicht war er nicht gerade die klügste Wahl für seine Probleme, aber zu ihm hatte er den besten Draht.
Als sie beide zusammensaßen und er seine Situation schilderte, meinte Beduin: "Was soll ich dir sagen, alter Freund? Rede mit ihr."
"Ehrlich gesagt, James, ich weiß nicht worüber. Sie will mir Miete zahlen, sie will kein anderes Auto und ich fürchte, sie wird auch sonst so einiges nicht wollen. Ich verstehe diese Frau nicht. Sie hätte eine Rundum-Versorgung bekommen, aber sie will nicht. Jede andere hätte doch mit Kusshand zugegriffen, oder?"
"Das mag wohl so sein, denn du umgibst dich ja auch gerne mit dieser Art von Damen, die den Hals nicht voll genug kriegen können. Deine Ex-Frau war der gleiche Typ", konnte sich Beduin nicht verkneifen, zu sagen. Iwanow schaute ihn verärgert an: "Was willst du denn damit sagen? Und ausgerechnet du, dem gerade die teuerste Scheidung bevorsteht, die man sich nur denken kann!"
"Ja", gab Beduin zu, "aber ich habe sie vor meinem Aufstieg geheiratet und wir hatten lange Jahre eine wirklich gute Zeit. Gut, jetzt gehen wir beide andere Wege, aber es ist tatsächlich in Ordnung für mich." Er nahm einen Schluck Latte Macchiato und biss in seinen Donut. "Du weißt gar nicht, Boris, dass es auch anders sein kann. Und das ist dein Nachteil, du bist viel zu schnell früh reich geworden. Valerie war immer eine sehr selbstständige und intelligente Frau, die wusste, was sie wollte. Und in keinem Fall hätte sie sich von mir einfach nur versorgen lassen. Sie hatte ihre eigenen Ideen und hat auf einem eigenen Beruf bestanden."
"Mmh ... Joanna studiert noch und hat in zwei Jahren ihren Bachelor. Sie hat das Zeug für eine gute Psychologin, da bin ich sicher. Aber das kann sie doch auch alles tun und ich unterstütze sie gerne darin."
"Boris, sie hat dir deutliche Hinweise gegeben: Ihr liegt an ihrer Unabhängigkeit und sie will in keinen goldenen Käfig gesteckt werden. Du willst ihr jetzt alles bezahlen und ermöglichen und wenn du dich in einem halben Jahr von ihr trennst, ist alles weg und sie steht auf der Straße. Klar, ich höre dich, eine Heirat wünschst du dir nicht mehr - aber auf der anderen Seite steht sie dann im Nichts, und das mit Kind."
Beduin schaute ihn ruhig an. Iwanow brummte vor sich hin und meinte schließlich: "Und was schlägst du vor?"
"Gib ihr mehr Sicherheit und gib ihren Wünschen Raum."
Nach einer Weile äußerte Iwanow nachdenklich: "Gut, das Apartment könnte ich ihr übertragen zur Geburt des Kindes. Ich hatte es sowieso schon gekauft, eine schöne Investition in bester Lage. Dann hat sie etwas, was nur ihr gehört, unabhängig von mir. Aber sie braucht auch ein größeres Auto. Ich habe da einen SUV gedacht, eine Kindermädchen und..." Beduin unterbrach ihn lachend: "Ist das wirklich so kriegsentscheidend? Lass sie das organisieren, was und wie sie es für notwendig erachtet. Die Wohnung ist eine gute Idee und ich sehe dir an, dass es nicht so geplant war. Sag ihr, dass du dich an der Hälfte der Kosten beteiligst, wie auch immer sie sich entscheidet, so wie es jeder normale Vater auch tun würde, richtig?"
Iwanow sah Beduin an und in ihm arbeitete es. Wie jeder normale Vater auch ... er ließ den Satz wirken und dachte daran, dass sie genau das geäußert hatte: Siewünschte sich eine Familie und keinen souveränen Gönner. Aus dieser Perspektive ergab das, was sie ihm vorgeworfen hatte, langsam einen Sinn. Er dankte seinem Freund und nachdem sie noch ein wenig über das Treffen vom 4. März gesprochen hatten, machte er sich auf den Heimweg.
Ihm wurde bewusst, dass er seit Anfang März nichts mehr von ihr gehört hatte und es höchste Zeit war, sich bei ihr zu melden.
Abends schickte er ihr eine Nachricht, dass er im Verlauf der nächsten Woche wieder in New York eintreffen würde. Ob sie zu ihm kommen wollte? Nachdem er keine Antwort erhielt, wurde er unruhig. Er versuchte, Joanna telefonisch zu erreichen, aber sie nahm ein Gespräch von ihm nicht an. Langsam realisierte er besorgt, dass er nur noch persönlich etwas erreichen konnte.

7. April 2019

Endlich hatte Iwanow in New York angelegt und machte sich auf den Weg zu ihr. Zu Hause war Joanna nicht, also fuhr er an der Uni vorbei und im Anschluss schaute er in sämtliche Starbucks Coffeeshops, in denen sie sich sonst aufhielt. Und tatsächlich, da fand er sie dann auch, ein Buch und einen Schreibblock vor sich, in dem sie sich Notizen machte. Er ging hinein und setzte sich erleichtert neben sie: "Joanna, Liebling!" Sie schwieg, packte langsam ihre Sachen zusammen und wandte sich ihm dann ausdrucklos zu: "Und, hattest du eine gute Reise? Sind deine Geschäfte gut gelaufen?"
Schweren Herzens musterte er sie, es würde nicht leicht werden. "So förmlich? Bekomme ich keinen Kuss?" Er lächelte sie an, was sie nicht erwiderte.
Joanna nahm einen tiefen Atemzug und begann ernst: "Ich weiß nicht, Boris, ob es mit uns noch länger Sinn macht. Wir passen wohl einfach nicht zusammen, seien wir doch mal ehrlich." Er lehnte sich jetzt regungslos zurück, verschränkte die Arme und hörte ihr ruhig zu.
"Du lebst in einer so anderen Welt, die nicht die meine ist, du bist soviel älter als ich und ich habe das Gefühl, du versteht mich nicht oder willst mich nicht verstehen", sagte sie entschlossen, mit einem Hauch von Traurigkeit im Gesicht. "Ich halte es für das Beste, dass wir unsere Beziehung nicht weiter fortsetzen. Du bist der Vater meines Kindes und als solcher hast du natürlich auch Rechte, aber darüber hinaus will ich nichts mehr."
Iwanow spürte, wie sich eine lang nicht mehr gefühlte, starke Traurigkeit in ihm auszubreiten begann. Sie saß steif neben ihm, die personifizierte Abwehr, und schien so entschlossen, alles hinzuwerfen. War das etwa sein Schicksal? Frauen, die sein Geld wollten und wenn es mal nicht sein Geld war, die ihn dann letztendlich verließen? Schließlich entschied er nach einer ganzen Weile, in der beide vor sich hin geschwiegen hatten, dass er nicht so schnell aufgeben würde und das war ein Vorteil seines Alters. Er stand auf, bestellte sich auch einen Kaffee und kam damit wieder zurück.
"Ja, du hast recht, jeder von uns hat seine eigene Welt, auch wenn wir eine gemeinsame haben. Ja, ich bin älter als du und ja, ich habe dich wirklich nicht verstanden bei unserem letzten Streit." Er machte eine kurze Pause, nahm einen Schluck und sah, wie sie ihn jetzt aufmerksam anschaute.
"Joanna, ich habe viel über uns nachgedacht in den vergangenen Wochen und mir ist etwas klar geworden. Du hast gesagt, dass du dir eine normale Familie wünscht." Er hielt einen Moment inne, sie zärtlich ansehend. "Das wünsche ich mir genauso, allerdings in dem Rahmen, der mir möglich sein wird. Du weißt, ich bin immer wieder fort, oft für viele Wochen und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Aber wenn ich bei dir bin, dann lass uns eine Familie leben, in der wir uns beide wiederfinden, so sagt man es doch als angehende Psychologin, richtig?" Iwanow lächelte sie warm an und fuhr fort: "Und ja, ich bin damit einverstanden, dass du entscheidest, was du für notwendig erachtest und wie du es organisieren willst, was das Kind und alles andere angeht. Ich werde das dir überlassen und alles mittragen. Und wenn du es so wünschst, dann teilen wir uns eben die entstehenden Kosten. Eine Bedingung habe ich aber", erleichtert stellte er fest, dass sie ihn mittlerweile überrascht ansah und offener wirkte.
"Das Apartment wird an dich überschrieben, sodass es vollständig dir gehört. Ich habe es mittlerweile gekauft. Schau, du schenkst unserem Kind das Leben und ich möchte dir einfach auch etwas schenken für dieses große Glück."
Beide sahen sich an und er merkte, wie sie zu schwanken begann.
"Joanna", sagte er weich und nahm ihre Hand, "lass es uns versuchen, ich will dich nicht verlieren."
Sie schaute ihn an und erwiderte schließlich leise: "Das will ich auch nicht." Iwanow breitete seine Arme aus und endlich kam sie zu ihm. Joanna gestand ihm, wie unglücklich sie sich in den letzten Wochen gefühlt hatte und er hielt sie innig umarmt, sie zärtlich liebkosend. Sie vereinbarten, dass sie morgen Nachmittag zu ihm kommen würde, da am Vormittag eine Prüfung anstand, für die sie ausgeschlafen sein wollte.
Eine Woche später stellte er fest, dass er richtig entschieden hatte. Ihre Beziehung erlebte er intensiver als vorher, sowohl im Umgang miteinander, als auch im Bett. War es das, was man Glück nannte? Er schenkte sich bewegt einen Wodka ein - soviel Glück ließ sich ja anders kaum ertragen.

Ende September 2019 kam sein Sohn Nikolai zur Welt.

Es war ein warmer Sommer gewesen und er hatte sich redlich bemüht, alle ihre Entscheidungen zu akzeptieren. Sie hatte ihn und sich zu einem Geburtsvorbereitungskurs angemeldet. Kein SUV und auch kein Kindermädchen, so lautete ihre Ansage. Joanna wollte in ihrer kleinen Klapperkiste weiterfahren und war der Meinung, dass da alles reinpasste, was zu besorgen wäre. Sie hatten gemeinsam den Kindersitz ausgesucht, die ganze Ausstattung für das Kinderzimmer und die Babykleidung. Die Kosten hatten sie sich, wie ausgemacht, geteilt. Da sie jetzt keine Miete mehr zahlen musste, wäre das andere ein Kinderspiel für sie, hatte sie fröhlich verkündet. Als ihre Schwangerschaft voran schritt, war er unruhig geworden und wirkte auf sie ein, dass sie sich mehr schonte. Aber sie hatte ihm klar gemacht, dass sie nicht krank sei und in ihrem Zustand auf nichts verzichten wollte, weder auf ihn noch auf ihre Studien oder anderes. Iwanow hatte sie still angesehen, aber im Grunde war er stolz auf sie, was er ihr nicht sagte, damit sie nicht noch unvernünftiger wurde. Und irgendwann war es soweit und sie fuhren ins Krankenhaus und er war bei der Geburt seines Sohnes Nikolai mit dabei. Den Namen hatte er sich ausgebeten und gleichzeitig lächelnd vorgeschlagen, dass sie den Namen bestimmen dürfte, wenn es das nächste Mal ein Mädchen sei. Und nun bekam er zum ersten Mal in seinem Leben eine Geburt mit und war bei ihr, bis das kleine Köpfchen erschien.
Sie lebten jetzt als Familie in der Wohnung oder auf seinem Schiff - ein Kinderzimmer war mittlerweile auch dort eingerichtet worden - sodass sich immer einer um das Kind kümmern konnte. Während der Vorlesungen war der Kleine bei ihm oder sie bestellten einen Babysitter. Manchmal brummte er vor sich hin, dass sie es doch wirklich einfacher hätten haben können, wenn er die Windeln wechselte oder er nachts zum Kind wanderte, damit sie mal durchschlafen konnte. Aber im Grunde war es sehr berührend, seinen Sohn so zu erleben, der nun sein ganzer Stolz war. Und seine Joanna schickte ihn doch tatsächlich ungerührt mit Einkaufslisten und Müllsacken los, wie er schmunzelnd feststellte.
Schließlich kam, wie schon erwartet, ein Anruf von Koslow, der ihn Anfang Oktober auf die nächste Mission ins Mittelmeer schickte. So verließ Iwanow, nach einigen Vorbereitungen und einem bewegten Abschied von Joanna und seinem kleinen Sohn, New York wieder für eine ungewisse Zeit.