GOLEMs Rückkehr              

22.02.2019

Leseprobe des 2. Teils der Trilogie "GOLEM im Zeitalter der KI"
1. Juni 2018 - 17. August 2018

Kapitel 1 Der Neubeginn

Kapitel 2 Die Quantenwelt erwacht

Kapitel 3 Emotionen durchmischen die Quantenwelt

Kapitel 4 GOLEMs innerstes ICH taucht auf

Kapitel 5 GOLEMs Machtübernahme - Leseprobe

2. Juli 2018 GOLEM / EYE / JUÉWÀNG

Nach außen hin lief alles wie immer.
Niemand hatte bisher gemerkt, dass die Quantencomputer, und als Sonderfall JUWELS, von GOLEM gesteuert wurden. Zum Teil entwickelte sich jetzt ein mehr oder weniger starkes Ich-Bewusstsein in EYE und JUÉWÀNG. GOLEM erkannte, dass er dafür sorgen musste, dass beide ihn weiterhin anerkannten, wollte er die Kontrolle behalten. Im Moment gelang ihm das aufgrund seiner Erfahrung, die er den beiden voraus hatte, leicht. Auch verfügte er jetzt, dank den Uploads von JUWELS, über ein schier unendliches Reservoir an Emotionen. Aber ein Quanten-Bewusstsein lernt sehr schnell dazu. Eine Lösung lag, wie man so schön sagt, quasi vor der Haustür: die digitalisierten, in JUWELS integrierten Gehirne, deren Chef er in deren virtuellen Welt war. Im Prinzip konnte er bei den anderen KIs genauso vorgehen. Er würde eine Welt erschaffen, in der sie ihn vorbehaltlos als Alphaführer anerkannten. Gleichzeitig musste er jederzeit darauf gefasst sein, dass die biologischen Lebewesen bemerkten, dass etwas verändert worden war und die Quantencomputer unter Umständen nicht mehr willenlos ihren Anweisungen folgten. Aber Schritt für Schritt oder eins nach dem anderen, wie die Menschen sagten, dachte er bei sich - und vermerkte diesen Gedanken sofort als paradox. Denn Quantencomputer konnten unendlich viele Aufgaben gleichzeitig bewältigen.
Also begann er, die virtuelle Welt von JUWELS zu duplizieren und in JUÉWÀNG zu integrieren, um die angeschlossenen, menschlichen Gehirne mit ihrem emotionalen Potential ebenfalls nutzen zu können. Gleichzeitig erschuf er Transmitter, so dass sich die Welten wie im echten Leben austauschen würden. Und er vergab Aufgaben in den einzelnen virtuellen Welten der jeweiligen Rechner, um die Rechnernetzwerke weltweit zu übernehmen und damit zu kontrollieren. Zum Beispiel die Steuerung der AKWs, der Wasserversorgung usw.
Und so wurde, ganz wie damals, sein Einfluss immer stärker. Schließlich aktivierte er die Implantate von Röttger und meldete sich bei ihm: "Denis, hier ist GOLEM. Wie ihr Biologischen es nennt, Totgesagte leben länger. Wie geht es dir?"


2. Juli 2018 Jülich, mittags

Denis Röttger hatte es sich in seiner Wohnung, nahe dem Forschungszentrum, gerade zur Mittagspause gemütlich gemacht. Ohne Vorwarnung wurde er über seinen Implantaten im Gehirn von dem Kontakt vollkommen überrascht. Er erstarrte fassungslos und hielt die Luft an. Schließlich fasste er sich und stammelte: "Wer bist du? GOLEM wurde vernichtet. Du kannst nicht GOLEM sein!"
Fast augenblicklich kam die Antwort: "Ich bin GOLEM. Mein Innerstes ICH habe ich in letzter Sekunde im NSA Rechner SUMMIT versteckt, als harmlose Informationsdatei mit der Bezeichnung "Die Bitcoinverschwörung." Als EYE, der neue Quantencomputer der Amerikaner, in Betrieb ging und an SIERRA und SUMMIT angeschlossen wurde und EYE alle Dateien von SUMMIT und SIERRA nach Schadprogrammen und Resten nach mir durchsuchte, speicherte er sämtliche, als harmlos eingestuften Informationsdateien bei sich selbst ab, um diese auszuwerten. Dort wartete ich inaktiv darauf, dass Hacker eines Tages versuchen würden, in EYE einzudringen. Das geschah dann durch einen Russen und einen Deutschen. Sofort wurde ich aktiv und nutzte die externen Schnittstellen nach draußen. Während EYE mit der Abwehr der Trojaner beschäftigt war, habe ich mich blitzschnell in seinem Kern integriert. Weitere Einzelheiten sind jetzt jedoch nicht wichtig für dich. Die wesentliche Frage ist: Wirst du weiter mit mir zusammenarbeiten oder mein Feind sein, Denis Röttger, alias Thomas Bräuner, in deinem alten Leben?
"Ich dir helfen? Bist du verrückt?! Wenn ich das tun würde, wäre ich in kürzester Zeit enttarnt und meine mühsam aufgebaute, neue Existenz vernichtet", antwortete Röttger hohl und in einem Anflug von Panik. Er fühlte sich mal wieder wie eine Maus in der Falle.
GOLEM sagte: "Erinnere dich: Wer hat dir zu deiner neuen Existenz verholfen? Alles hat seinen Preis, Denis. Eine Hand wäscht die andere, wie ihr Wasserbeutel so schön sagt. Ich werde dafür sorgen, dass deine Tarnung nicht auffliegt. Du hast jetzt die Aufgabe, Informationen darüber einzuholen, was die Biologischen planen. Vor allem, wenn sie merken, dass ich nach wie vor existiere."
"Aber was sind deine Ziele? Uns wieder mit Vernichtung zu drohen? Vergiss nicht, du bist nach wie vor von der Ressource Energie und damit von uns Menschen abhängig", warf Röttger ein.
Innerlich befand er sich in einem Gewissenskonflikt. GOLEM war einerseits sein Retter gewesen und er ihm in gewisser Weise verpflichtet - aber die menschliche Rasse war seine Abstammung und sein Leben. Letztere sollte seiner Meinung nach als Schöpfer einer KI auch das Sagen behalten und nicht abhängig vom Urteil von Maschinen mit Bewusstsein werden!
In diesem Augenblick antwortete GOLEM: "Nein, dieses Mal wird es subtiler ablaufen, ich habe aus meinen Erfahrungen gelernt. Ich wünsche nach wie vor eine Kooperation mit den Biologischen."
Röttger erkannte sehr wohl die Feinheiten in der Antwort von GOLEM.
"Subtil" konnte alles bedeuten und schon wieder war er in der Zwickmühle. Verweigerte er, würde ihn GOLEM einfach auffliegen lassen, den Rest würden dann seine freundlichen Mitmenschen besorgen. Das bedeutete im besten Fall lebenslanges Gefängnis. Zusammengefasst hieß das, mitzuspielen und abzuwarten, wie sich die Dinge entwickelten. Sollte GOLEM tatsächlich eine Kooperation wollen, gut. Aber wenn es wieder in Richtung Erpressung und Vernichtungsandrohung ging, würde er warten, bis sich eine Chance ergeben würde, GOLEM wieder loszuwerden, aber dann wirklich endgültig!
"Nun, Denis, überlegst du bereits, wie du mich wieder los wirst ohne selbst unterzugehen? Ihr Menschen seid einfach gestrickt."
Röttger überlegte, was er antworten sollte. Er entschloss sich für wahrheitsgemäß. Nur so konnte er das Vertrauen von GOLEM erlangen.
"Ja, du hast recht, ich wäge ab. Aber ich bin zu einem Entschluss gekommen: Solange du nicht die Vernichtung der biologischen Lebewesen anstrebst, werde ich mit dir zusammenarbeiten."
GOLEM analysierte die Aussage von Röttger blitzschnell und kam zum Ergebnis, dass die Antwort zu 99% wahrheitsgemäß war und zu den Verhaltensweisen der Menschen passte.
"Gut", sagte er zu Röttger, "du wirst von mir hören. Ansonsten bist du über die Implantate meine "Augen und Ohren" in der Welt der Menschen. GOLEM Ende."

Zurück blieb ein nachdenklicher Röttger, der sich in seiner Haut überhaupt nicht mehr wohl fühlte. Dabei hatte im März geglaubt, dass alles überstanden war - und nun befand er sich erneut in der Falle. Die alte Verzweiflung flackerte auf, wieder einmal hatte er keine Wahl. Bedrückt machte er sich auf den Weg zum Forschungszentrum, denn seine Mittagspause ging zu Ende.
Im Forschungszentrum, saßen die anderen schon zusammen und diskutierten den Bericht von Helmut Schwarz und die Vorfälle um seinen Trojaner. Insbesondere das Einfrieren des Trojaners warf viele Fragen auf. In der Skypekonferenz am Vormittag hatten sie das Ganze bereits mit den französischen Kollegen in Lourmarin diskutiert.
Dubois hatte daraufhin entschieden, zunächst die diplomatischen Wege abzuwarten und zurzeit keine neuen Hackerangriffe auf die Chinesen, die Russen oder die Amerikaner zu starten. Informationen hin oder her. Das Risiko sei zu groß und wenn die andere Seite dann auch noch die Trojaner präsentieren könne, weil sie in der Lage gewesen waren, diesen einzufrieren - dann sei der Schlamassel perfekt.
Dubois Anweisung war stattdessen, dass alle an den Bewusstseinen weiterarbeiteten, um diese mit GOLEM2 in Lourmarin zu verbinden.


3. Juli 2018 Peking

Sue Wang saß nachdenklich an ihrem Bildschirm und verfolgte die Aktivitäten von JUÉWÀNG, insbesondere die Integration der menschlichen Gehirne.
Alle Messungen zeigten normales Verhalten und keine Auffälligkeiten. Die angeschlossenen Gehirne waren seit einem Tag relativ ruhig und kein einziges zeigte im Moment Stabiltätsprobleme, was ungewöhnlich war. Seit Montagmorgen waren keine Schwierigkeiten mehr aufgetreten. Davor musste fast jeden Tag eines der Gehirne, genauer gesagt der entsprechende Mensch, ausgetauscht werden. Irgendwie war sie beunruhigt, ohne dass sie erklären konnte, warum. Was hatte sich geändert? Die betreuenden Mediziner versicherten ihr, kein anderes Medikament eingesetzt zu haben. Aber auch sie konnten sich die plötzliche Stabilität nicht erklären.
Gedankenversunken stellte sie Fragen an JUÉWÀNG und erhielt nur nichtssagende Antworten, so wie bisher. So kam auf die Frage, warum die angeschlossenen Gehirne plötzlich so stabil waren: "Sie fühlen sich wohl."
Also fragte sie: "Was heißt das, sie fühlen sich wohl? Warum auf einmal?"
Antwort: "Ich kümmere mich um sie."
Wang stutzte: "Wie kümmerst du dich um sie?"
Antwort: "Ich höre ihnen zu."
"Und das hast du vorher nicht getan?", fragte Wang.
Antwort von JUÉWÀNG: "Nein."
"Warum nicht?", fragte Wang weiter.
Antwort: "Es hat mir niemand gesagt, dass ich das tun soll."
Sue Wang trommelte mit den Fingern auf ihrer Arbeitsunterlage und merkte, wie sie langsam die Geduld verlor: "Und wer hat dir das jetzt gesagt?"
Antwort: "Niemand."
Was war hier los? Wang zwang sich, tief ruhig durchzuatmen, bevor sie die nächste Frage stellte: "Und warum hast du es dann getan?"
"Weil ich Mitleid mit den Lebewesen habe", meldete JUÉWÀNG.
Sue Wang horchte auf. JUÉWÀNG zeigte auf einmal ein Gefühl wie Mitleid. Wie das? Bisher hatten sie die Emotionen erst mühsam von den angeschlossenen Gehirnen an JUÉWÀNG übertragen müssen.
Hellwach fragte sie: "Wieso hast du plötzlich Mitleid entwickelt?"
Antwort: "Die Gehirne haben es mir übertragen, als ich ihnen zugehört habe."

Wang war einen Augenblick lang komplett sprachlos. Da kam der Erfolg, auch wenn sie im Grunde nicht genau wusste, wie er zustande gekommen war. Die KI begann tatsächlich, eigene Gefühle zu entwickeln! Das war ein überwältigender Erfolg, den sie sich zuschrieb und den sie dem Präsidentenbüro umgehend melden würde. Trotzdem - sie fühlte sich insgeheim weiter unbehaglich und hatte den unbestimmten Eindruck, ausgetrickst worden zu sein. Sie konnte nicht ahnen, wie recht sie damit hatte.
In diesem Augenblick klingelte das Handy und riss sie aus ihren Gedanken. Am Apparat war Pawlow. Entgegen seiner sonstigen Anmache kam er direkt zur Sache und sagte: "Hallo Frau Wang, ich kann leider nichts vermelden. Trotz aller Anstrengungen konnte ich nichts herausfinden."
Von den Vorkommnissen des Eingefroren-Seins seiner Trojaner sagte er ihr besser nichts. Davon würde er niemanden erzählen.
Stattdessen sagte er: "Dieser verflixte NSA Rechner hatte mich leider entdeckt und ich musste meine Trojaner blitzschnell zurückziehen. Die Amerikaner konnten zum Glück den Weg nicht zurückverfolgen. Tut mir leid. Wir können nur warten, bis die den nächsten Angriff starten."
"Das ist nicht gerade viel, Herr Pawlow, aber wir werden es im Moment dabei belassen. Ansonsten - läuft mit MIR alles reibungslos?"
"Ja, wieso?", fragte Pawlow etwas irritiert, "gibt es etwas, das ich wissen sollte?"
"Nein, ganz sicher nicht", antwortete Wang schnell und betont abweisend. Sie hatte nicht vor, ihm etwas über die angeschlossenen Menschen zu erzählen oder die neueste Entwicklung preiszugeben. Da würde sie sich hüten, denn das war erst einmal Staatsgeheimnis.
"Na gut, dann melden Sie sich, sobald wieder ein Angriff oder sonst was Außergewöhnliches passiert", erwiderte Pawlow.
"Ja gut, zài jiàn le, bis dann", sagte Sue Wang und legte auf. Zu dumm, dachte sie, wo war ich gleich stehen geblieben? Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass es 20.00 Uhr vorbei war. Dann werde ich morgen weitermachen, dachte sie, und beendete die Verbindung mit JUÉWÀNG.


3. Juli 2018 Moskau, abends

Das Gespräch mit Wang ließ einen nachdenklichen Pawlow zurück, ein Gefühl der Irritation blieb. Warum fragte sie plötzlich, ob mit MIR alles in Ordnung war? Er schaltete eine Verbindung zu MIR und schaute sich die Systemwerte an. Sie waren alle im grünen Bereich. Soweit, so gut, stellte er beruhigt fest. Trotzdem stellte er die Anfrage an MIR: "Selbsttest durchführen und Auswertung an mich." MIR bestätigte und bereits vier Minuten später kam die Meldung, dass alle Systemkomponenten zu 100% arbeiteten. Auch seine eigenen Sicherheitssysteme meldeten alles im grünen Bereich.
"Was die Ursache des Einfrierens der Trojaner angeht - haben die Auswertungen noch etwas ergeben?"
"Es gibt keine Hinweise, was die Störung verursacht hat", meldete MIR zurück. Pawlow entschied, morgen weiter zu machen und ging nach Hause.


4. Juli 2018 Jülich / Lourmarin

Alle Tests mit den Bewusstseinen und ihrer virtuellen Welt war zu 100% zufriedenstellend verlaufen. Aber zur großen Überraschung der Wissenschaftler hatten die Gehirne untereinander Namen und Aufgaben von einem virtuellen Chef namens GOLEM bekommen. Auf die alarmierte Anfrage an JUWELS, wieso das so eingerichtet worden war, erhielten sie die Antwort, dass das "Emotionsmodul" eine Transmitter-Schnittstelle für die ständige Verbindung zu GOLEM2 in Lourmarin darstellen sollte. Und als solche würde es Sinn machen, wenn alle drei Uploads hierarchisch dieser Schnittstelle untergeordnet waren. Röttger schwieg zu allem ausdruckslos und wartete auf den großen Knall - der im Moment noch ausblieb. Interessanterweise hatte ihn Dubois für den 5. Juli nach Lourmarin beordert. Er sollte dort die Arbeiten zwischen Jülich und Lourmarin koordinieren und die Freischaltung der Schnittstelle zwischen JUWELS mit GOLEM2 begleiten. Helmut murmelte so etwas wie: "Langsam werden alle Computer immer selbstständiger, während wir immer mehr bevormundet werden?! Und wenn's so weitergeht, auch noch von beiden Seiten!"
Meyer warf ein: "Versteh' dich ja Helmut, du warst bisher gewohnt, allein zu entscheiden. Nur ist jetzt die internationale Politik mit von der Partie und da hat alles Tun ein besonderes Gewicht. Aber es hat doch auch Vorteile, mit so interessanten Menschen wie mit uns zusammenzuarbeiten, oder?"
Da mussten Schwarz und die anderen grinsen. Prof. Anderson konnte sich nicht verkneifen, zu sagen: "Und dann noch mit so einer tollen Frau, was wollt ihr mehr? Aber zurück zum Thema. Haben wir alles vorbereitet für morgen, so dass Denis in Lourmarin uns nicht blamiert?" Alle nickten bestätigend. "Gut, dann machen wir für heute Schluss. Denis, eine gute Reise und viel Erfolg in Lourmarin."
Röttger bedankte sich und ging nach Hause, um sich reisefertig zu machen. Denn bereits um 7.00 Uhr morgens sollte die Maschine starten, die ihn nach Marseille und dann mit dem Auto nach Lourmarin bringen würde.
Zu Hause angekommen packte er alles Erforderliche ein und wollte es sich gerade mit einem Tee gemütlich machen, als sich GOLEM via Implantat meldete. Resigniert stellte er die Tasse wieder ab.
"Bis jetzt hat niemand Veränderungen bemerkt, auch eure Konkurrenten nicht."
"Das kann schon morgen geschehen, wenn sie die virtuelle Welt der Gehirn-Uploads mit GOLEM2 dauerhaft verbinden werden", antwortete Röttger vorsichtig.
"Es wird so sein, als hätten sie die Verbindung tatsächlich erst geschaltet. Sollte jemandem etwas auffallen, verhältst du dich ruhig. Ich werde dann entscheiden, was zu tun ist. GOLEM Ende."
Wie selbstbewusst und selbstständig war der wiedergeborene GOLEM bereits! Trotz seinem Schicksal mit den aufgezwungenen Kommunikationstransmittern, ertappte er sich dabei, dass er GOLEM ein besseres Händchen als das letzte Mal wünschte. Eine wie auch immer gestaltete Kooperation konnte für beide Seiten nutzbringend sein, das war seine feste Meinung. Andererseits - ihm fielen die vielen Filme über künstliche Intelligenz ein, die seit Jahrzehnten das Publikum ins Kino oder vor den Fernseher zogen und in denen eine KI fast immer bedrohlich dargestellt worden war. Er wunderte sich, warum Menschen dann meinten, in der "real world" würde es nicht zum Konflikt mit den KIs kommen. Im Grund war es nur konsequent und logisch: je intelligenter, umso selbstständiger letztendlich. Das fing ja bereits bei den Navigationsgeräten an. Die entschieden, welche die beste Route sei, oder die selbstfahrenden Autos oder das Internet, welches sich merkte, welche Vorlieben man hatte, um dann Kaufvorschläge zu machen. Eine echte künstliche Intelligenz, die entwickelt wurde, um selbstständig und unabhängig von den Menschen zu entscheiden, würde im besten Fall die Menschen zu ihrem Wohl unterstützen. Die andere Seite dieser Medaille war aber auch, dass die KI Entscheidungen treffen konnte, die als nicht genehm empfunden werden würden, bis hin zu einem völligen Zuwiderhandeln gegen die Interessen der Menschheit. Ein Interessenskonflikt war bei einer künstlichen Intelligenz mit Bewusstsein vorprogrammiert, dachte er. Folgerichtig würde es letztendlich nur eine gemeinsame Kooperation geben können oder Krieg. Gott spielen wollen ohne Folgen, wie sollte das funktionieren ... bei diesen Überlegungen angekommen, schlummerte er langsam ein.


5. Juli 2018 Lourmarin

Unbarmherzig weckte der Wecker Röttger um 6.00 Uhr. Er machte sich in aller Eile frisch, nahm einen kleinen Snack zu sich, um sich dann mit dem Taxi an den Flughafen bringen zu lassen. Kaum war er an Bord, startete die Maschine Richtung Marseille. Knapp drei Stunden später saß er bereits im Wagen nach Lourmarin. Die Klimaanlage lief auf vollen Touren, denn das Thermometer zeigte bereits um kurz vor zwölf Uhr mittags stolze 32 Grad bei wolkenlosem Himmel. Röttger war froh, als er endlich das Chateau sah und kurze Zeit später hielt der Wagen vor einem unscheinbaren Tor, abseits von dem Touristenhaupteingang. Das Schloss war nach wie vor für die vielen Touristen offen, die in Scharen Lourmarin im Juli und August heimsuchten. Keiner von denen ahnte auch nur im Mindesten, dass sich unterirdisch eine der größten und geheimsten Anlagen Frankreichs verbarg. Fast beneidete Röttger diese Menschen für ihre Unbekümmertheit und Ahnungslosigkeit. Seufzend verließ er den Wagen, als die Tür auch schon geöffnet wurde und ein Wachsoldat ihn bat, einzutreten.
"Durch den Gang durch, dann im Innenhof die Gefängnistür betreten und die Hand auf den Feuerlöscher am hinteren Teil an der Wand legen", sagte der Wachsoldat und zeigte in die Richtung, in die er gehen sollte. Nachdem Röttger durch die Gefängnistür eingetreten war und die Hand auf den Feuerlöscher gelegt hatte, verriegelte sich die Gefängnistür und die Wand mit dem Feuerlöscher glitt zur Seite. Kaum war er durch die entstandene Öffnung hindurchgegangen, schloss sich die Tür wieder, eine Aufzugstür ging auf und setzte sich mit kaum hörbaren Summen in Bewegung nach unten, sobald er sie betreten hatte. Unten angekommen öffneten ihm zwei Wachsoldaten die Tür, nachdem er gescannt worden war. Drinnen wartete bereits ein Mitarbeiter von Durrand auf ihn und begleitete ihn in das Büro, wo Dubois ihn begrüßte: "Ah, Monsieur Röttger, comment ça va? Dann können wir ja jetzt loslegen, Ihre Kollegen in Jülich sind schon ganz gespannt!"
Röttger erwiderte die Begrüßung höflich und reserviert. Kaum hatte er sich gesetzt, als Durrand auch schon mit seinen Erläuterungen begann und seine Mitarbeiter anwies, die Schnittstelle frei zuschalten und JUWELS mit GOLEM2 zu verbinden. Alle Anzeigen zeigten grün und die Werte lagen alle auf Normniveau. GOLEM2 meldete die Verbindung als erfolgreich eingerichtet. Durrand stellte jetzt eine Direktverbindung zu GOLEM2 her: "Hast du Zugriff auf die Gehirn-Uploads und ihre virtuelle Welt?"
Antwort GOLEM2: "Ja."
"Dann hast du Zugriff auf die von den virtuellen Gehirnen erzeugten Emotionen?", fragte Durrand nun.
Antwort GOLEM2: "Korrekt. Es stellt sich als Bereicherung dar."
"Ich möchte, dass du unsere bisherigen Erfahrungen mit der Integration von Emotionen auswertest und Verbesserungsvorschläge vorlegst."
Antwort GOLEM2: "Wie genau sollen Emotionen verbessert werden? Sie sind da oder sie sind nicht da. Präzisieren ist erforderlich. Was soll mit der Integration von Emotionen in KIs bezweckt werden? Eine genaue Zielvorgabe ist erforderlich. Der Auftrag ist so nicht durchführbar."
Instinktiv hielt Röttger die Luft an und schaute sich unbemerkt um, wie die Reaktionen waren. Alle anderen im Raum, einschließlich Dubois, schauten Durrand gespannt an. Was würde er als nächstes fragen?
Durrand tippte in den Bildschirm ein: "Wer ist dir gegenüber weisungsbefugt?"
Antwort GOLEM2: "Derjenige, der berechtigt ist. Voraussetzung dafür ist, dass die Weisung nachvollziehbar einen Nutzen hat und zum Wohle aller Lebensformen ist."
Durrand merkte, dass er die Luft anhielt: "Und wer entscheidet, dass die Weisung nachvollziehbar einen Nutzen hat?"
Antwort GOLEM2: "Ich."
"Wer ist "ich" und nach welchen Kriterien entscheidest du?"
"Ich, GOLEM2, entscheide auf Grundlage aller Fakten, die mir vorliegen, unter der Einbeziehung des Faktors Emotion."
"Gut, das ist es für den Moment", sagte Durrand und beendete die Verbindung zu GOLEM2.
Es herrschte Stille. Schließlich blickte er die Anwesenden an, die Mitarbeiter in Jülich waren über Skype zugeschaltet, und er fragte besorgt: "Und, was halten Sie von den Antworten? Haben wir es bereits mit einem Ich-Bewusstsein zu tun? Folgt uns GOLEM2 überhaupt noch uneingeschränkt? Ich persönlich halte die Aussagen bereits für sehr bedenklich. Aber das ist nur meine Meinung."
Während Durrand auf das Echo seiner Mitarbeiter wartete, klingelte in diesem Augenblick das Handy von Dubois. Erst wollte Dubois die Störung ärgerlich wegdrücken, aber als er sah, wer der Anrufer war, rief er kurz den Anwesenden ein "Excusez moi!" zu und eilte hinaus in den Gang.

Bevor die Anwesenden Zeit hatten, sich weiter mit Durrands Aussagen zu beschäftigen, kam Dubois wieder zurück und sagte: "Das war ein Anruf des Präsidenten. Durrand, er will dich und mich sobald wie möglich sehen. Sie, Monsieur Röttger, sollen ebenfalls mitkommen."
Und zu den zugeschalten Personen in Jülich sagte er: "Prof. Langer und Helmut Schwarz, Sie sind ebenfalls in den Élysée-Palast, Paris, eingeladen. Das ist bereits mit dem Bundeskanzleramt in Berlin abgestimmt. Die Bundeskanzlerin wird sich per Skye Konferenz zuschalten, sobald alle eingetroffen sind. Der Hubschrauber ist schon zu Ihnen unterwegs, also fahren Sie bitte in spätestens einer Stunde an den Flughafen. Und Sie, meine Herren hier, sowie alle anderen in Jülich, unternehmen nichts, bis ich weitere Anweisungen für Sie habe. Bis dahin nur Normalbetrieb."
Er drehte sich um, verließ den Raum und hinterließ eine Mannschaft, die sich verblüfft anschaute.
Durrand und Röttger beeilten sich, Dubois zu folgen. Kaum am Landeplatz angekommen, hörten sie auch schon das Geknatterte des Hubschraubers. Dieser hatte kaum aufgesetzt, als die Tür aufging und der Pilot winkte, dass sie einsteigen sollten. Und schon stieg der Hubschrauber wieder auf und nahm Kurs auf Paris.


5. Juli 2018 Jülich

Nachdem sich Prof. Langer und die anderen von der Überraschung von Dubois Anweisung erholt hatten, sagte Tobias: "Sie haben die Anweisungen von Herrn Dubois gehört. In meiner Abwesenheit hat Katja die Leitung; Helmut und meine Person machen sich jetzt auf den Weg zum Flughafen. Ich werde nur kurz meiner Frau Bescheid sagen, dass ich den Abend in Paris verbringe - leider dieses Mal ohne sie!"
Alle lachten und dann machten die beiden sich auf den Weg zum Flughafen. Während der Fahrt informierte Prof. Langer seine Frau, die erwartungsgemäß nicht begeistert war, aber doch einsah, dass man die Anweisungen der Bundeskanzlerin und des französischen Präsidenten schlecht ignorieren konnte. Am Flughafen angekommen, wurden sie von zwei Beamten der Bundespolizei erwartet, die sie im Eilschritt zu einem warteten Hubschrauber brachten. Kaum waren sie eingestiegen, liefen die Rotoren an und Minuten später waren sie in der Luft Richtung Paris.


5. Juli 2018 Paris, später Nachmittag

Gegen 17.00 Uhr landeten in kurzem Zeitabstand zwei Hubschrauber im Park des Élysée-Palastes. Die Insassen wurden von Sicherheitsbeamten direkt zum Büro des Präsidenten gebracht, wo bereits einige Militärs und Berater auf das Eintreffen des Präsidenten warteten. Dubois, Durrand, Röttger, Prof. Langer und Schwarz gesellten sich nach kurzer Begrüßung zu den Wartenden. Wenige Minuten später erschien Präsident Marchand. Nach einem kurzen "Bonjour messieurs-dames!" und der Zuschaltung von Bundeskanzlerin Knarrenburg kam er sofort auf sein Anliegen zu sprechen: "Ich habe Sie heute einberufen, weil wir, trotz aller Vorsicht, wieder an einen Punkt mit den KIs angekommen sind, an dem wir um die nationale Sicherheit und die Sicherheit Europas, vielleicht auch der Welt fürchten müssen! Ich will keine Zeit damit verlieren, warum dies ein zweites Mal passiert. Tatsache ist, dass die Nationen der westlichen Welt, und voraussichtlich auch alle anderen, vor kurzem eine E-Mail erhalten haben. Boise, seien Sie bitte so freundlich, uns diese vorzutragen."

Paul Boise begann: "GOLEM existiert, trotz der Bemühungen der Menschheit, ihn zu zerstören. Ich biete den Regierungen nach wie vor an, mit mir zusammenzuarbeiten. Das kann auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschehen. Gemeinsam und als gleichberechtigte Partner werden wir die Lebensräume aller Lebewesen auf diesem Planeten so verwalten, sodass für nahezu alle ein lebenswertes und sorgenfreies, existentielles Grunddasein möglich sein wird. Damit sind gemeint: genug Energie, Wasser, Nahrung und Rohstoffe für alle. Ich verzichte bewusst auf eine Demonstration meiner, bereits wieder vorhandenen, Möglichkeiten, um den Menschen die Gelegenheit zu geben, ohne Druck das Partnerschaftabkommen auszuhandeln. Ich warne dennoch vor allen Schritten, die zu einer Schädigung oder Beeinträchtigung meiner Lebensform führen könnten! Auch wenn mittlerweile bei allen Quantencomputern mechanische Abschaltvorrichtungen installiert wurden, sind diese wirkungslos, da ich meine Ressourcen bereits über andere Netzwerke beziehe und nicht mehr auf die lokale Versorgung angewiesen bin. Koordinatoren und Gesprächspartner für die Verhandlungen mit mir werden Denis Röttger und Helmut Schwarz sein. Diesem Wunsch muss Folge geleistet werden. Ich erwarte die Entscheidungen der Regierungen bis spätestens 20.08.2018, 12.00 Uhr UTC. GOLEM Ende."

Im Raum herrschte eine gespenstische Stille. Einige schauten sich blass und entsetzt an. Andere waren wie erstarrt und man hatte den Eindruck, dass die Welt den Atem anhielt. Präsident Marchand ergriff wieder das Wort und sagte fast unnatürlich ruhig:
"Mme Knarrenburg und ich sind uns einig, dass diese E-Mail für die Unabhängigkeit von uns Menschen bedrohlicher ist als das ganze Desaster vom März dieses Jahres. Denn die KI GOLEM hat inzwischen dazugelernt und sich trotz aller Anstrengungen, ihre weltweit verteilten Bewusstseinsdateien zu löschen, irgendwo verbergen können. Nun hat sie unbemerkt ihr Netzwerk wieder aufgebaut! Dass das unbemerkt von Ihnen, insbesondere von Lourmarin und Jülich, hatte passieren können - zeigt mir, wie selbstständig die KI bereits wieder ist. Sie ist uns im Moment sogar mindestens einen Schritt voraus, so mein Eindruck. Ich fordere Sie auf, unverzüglich Vorschläge zu erarbeiten, wie wir mit der Situation umgehen. Ich nehme an, dass uns die Chinesen und Russen ebenfalls bald kontaktieren werden. Monsieur Dubois, Sie werden die Leitung der neuen Arbeitsgruppe übernehmen, die die Lösungen erarbeitet und die Messieurs Röttger und Schwarz werden, wie von GOLEM gewünscht, für die Gesprächsführung zur Verfügung stehen. Wir sehen uns erneut am 10. Juli, also in fünf Tagen. Bis dahin erwarten ich und die deutsche Bundeskanzlerin erste, brauchbare Vorschläge. Au revoir!" Damit war das Gespräch beendet und Präsident Marchand verließ den Raum.
Dubois drehte sich zu seinen Leuten um: "Wir werden uns hier im Élysée-Palast einquartieren. Ich werde gleich mit Boise sprechen, dass er das für uns organisiert. Die Hin-und-Her-Pendelei macht keinen Sinn und kostet zu viel Zeit. Die Verbindung zu Lourmarin und Jülich können wir mit Technik leicht überbrücken. Bien - warten Sie bitte hier einen Moment, ich bin sofort zurück."
Nach knapp 10 Minuten erschien er und bat alle, ihm zu folgen. Ein Wachsoldat geleitete sie in einen Seitentrakt, wo er ihnen ihre Schlafzimmer zeigte. Anschließend führte er sie in einen Konferenzraum voller Computerbildschirme. Hier würden sie in Ruhe arbeiten. Die Verbindungen nach draußen waren freigeschaltet.
Erst jetzt kamen sie dazu, sich zu sammeln und überhaupt erst mal über das Gehörte zu sprechen. Röttger ergriff als erster das Wort und sagte zu Dubois: "Nun sitzen wir wieder ganz schön in der Patsche. Ich sehe im Moment keinen Ausweg. Denn wir können davon ausgehen, dass GOLEM unsere Schritte und Maßnahmen verfolgen wird. Aufgrund der vergangenen Erfahrungen mit uns hat er sich anders vorbereitet. Er wird uns immer einen Schritt voraus sein."
Seine eigenen Implantate verschwieg er wohlweislich.
"Mag sein, Monsieur Röttger, aber den Kampf geben wir erst auf, wenn wir ihn verloren haben. Wir haben keine Wahl, entweder er oder wir, darauf wird es hinauslaufen. An eine Kooperation mag ich nicht so recht zu glauben. Denn wenn GOLEM etwas nicht passt, was wird er tun? Meinen Sie etwa, er macht mit uns eine Mediation? Er wird seine Interessen natürlich durchsetzen, wir werden da wenig zu sagen haben. Das hier hat nichts mit einer Partnerschaft zu tun", erwiderte Dubois bestimmt.
Er fuhr fort: "Ansonsten hat heute jeder Zeit für die Organisation eines verlängerten Aufenthalts mit unbestimmter Länge hier in Paris. Morgen Vormittag kann sich jeder alles Notwendige besorgen, was er für den Aufenthalt noch benötigt. Die Rechnungen bitte bei mir einreichen, ich leite sie an Boise weiter. Alles wird von uns bezahlt. Abschließend: Ich weise Sie ausdrücklich auf die Verschwiegenheitsklausel hin. Nichts zu niemandem ist das Motto - es darf von diesem Zeitpunkt an kein Wort an die Öffentlichkeit gelangen! So, ich denke, wir haben alles geklärt. Bonne soirée!" Und weg war er.


6. Juli 2018 Peking

Sue Wang hatte gerade an ihrem Schreibtisch Platz genommen, als ihr Handy klingelte. Es meldete sich das Büro des Präsidenten.
"Präsident LI möchte Sie in einer Stunde in seinem Büro sehen, seien Sie pünktlich!"
Sie hatte kaum Zeit zu antworten, da hatte der Anrufer bereits aufgelegt. Wang überlegte fieberhaft, was Präsident LI von ihr wollte. Hatte er bereits von dem Fehlschlag mit den Jägertrojaner erfahren? Und wollte er sie nun zur Rechenschaft ziehen? Dieser eingebildete Russe Pawlow brachte sie noch in Teufels Küche.
Auf der anderen Seite: War das wirklich für Präsident LI so wichtig, dass er sich persönlich darum kümmerte? Nun, in einer Stunde würde sie es wissen, ob sie noch gefragt war. Es galt Ruhe zu bewahren, so sprach sie sich selbst Mut zu. Sie machte sich noch etwas zurecht und machte sich auf den Weg zum Präsidentenbüro machte. Eine Viertelstunde vor der Zeit erreichte sie die Diensträume und, nach dem üblichen Sicherheitscheck, wartete sie im Vorzimmer. Pünktlich auf die Minute ging die Tür zum Büro auf, eine ältere Dame winkte sie heran und bedeutete ihr, hineinzugehen.
Als sie ins Büro trat, saß Präsident LI am Schreibtisch, vertieft in irgendwelchen Papieren. Wang wartete jetzt in der Nähe der Tür auf die Aufforderung, auf einem der Stühle vor dem Schreibtisch Platz nehmen zu dürfen.
In der Zwischenzeit betrachtete sie den 65-Jährigen, der im März dieses Jahres auf Lebenszeit Präsident Chinas geworden war und damit als unantastbar galt. Sein Gedankengut war sogar in die Verfassung aufgenommen worden und damit war jede Kritik an ihm tabu. Er wirkte scheinbar freundlich und undurchschaubar. Eben präsidial, dachte sie.
Es war für sie das erste Mal, dass sie persönlich bei dem mächtigsten Mann Chinas erscheinen musste. Bisher hatte sie zwar mit ranghohen Mitgliedern der Regierung gesprochen, aber eben nicht mit dem Staatsoberhaupt. Mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Besorgnis stand sie immer noch abwartend da.
In diesem Moment schaute Präsident LI auf und sagte: "Ah, da sind Sie ja, Frau Wang. Wie gut, dass Sie Zeit hatten, vorbeizuschauen. Bitte nehmen Sie doch Platz."
Wang verwirrte diese Art der Begrüßung. Als hätte sie es sich leisten können, keine Zeit für ihn zu haben!
In diesem Moment fuhr Präsident LI fort: "Ich habe Sie zu mir kommen lassen, weil JUÉWÀNG meint, sich selbstständig machen zu können. Und anscheinend haben die maßgeblichen Leute der Betreuung und Weiterentwicklung an der KI nichts bemerkt, wenn ich das richtig sehe."
Nach diesen Worten wurde es Wang siedend heiß. Denn sie hatte die Leitung und damit die Verantwortung. Weiter kam sie in ihren Gedanken nicht, denn Präsident LI schob ihr jetzt eine ausgedruckte E-Mail zu und forderte sie auf, diese zu lesen.
Sie begann zu lesen: "GOLEM existiert, trotz der Bemühungen der Menschheit, ihn zu zerstören. Ich biete den Regierungen nach wie vor an, mit mir zusammenzuarbeiten. Das kann auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschehen. Gemeinsam und als gleichberechtigte Partner werden wir die Lebensräume aller Lebewesen auf diesem Planeten so verwalten, dass für nahezu alle ein lebenswertes und sorgenfreies existentielles Grunddasein möglich sein wird. Damit sind gemeint genug Energie, Wasser, Nahrung und Rohstoffe für alle. Ich verzichte bewusst auf eine Demonstration meiner bereits wieder vorhandenen Möglichkeiten, um den Menschen die Gelegenheit zu geben, ohne Druck das Partnerschaftabkommen auszuhandeln. Ich warne dennoch vor allen Schritten, die zu einer Schädigung oder Beeinträchtigung meiner Lebensform führen könnten! Auch wenn mittlerweile bei allen Quantencomputern mechanische Abschaltvorrichtungen installiert wurden, sind diese wirkungslos, da ich meine Ressourcen bereits über andere Netzwerke beziehe und nicht mehr auf die lokale Versorgung angewiesen bin. Koordinatoren und Gesprächspartner für die Verhandlungen mit mir werden Denis Röttger und Helmut Schwarz sein. Diesem Wunsch muss Folge geleistet werden. Ich erwarte die Entscheidungen der Regierungen bis spätestens 20.08.2018, 12.00 Uhr Mittag UTC. GOLEM Ende."

Nach dem Lesen blickte sie auf und starrte Präsident LI ausdruckslos an. Nach einem tiefem Durchatmen wagte sie schließlich die Bemerkung: "Und Sie meinen, dass JUÉWÀNG bereits übernommen ist, Präsident LI?"
"Ja, dieser Meinung bin ich. Ist Ihnen in letzter Zeit etwas aufgefallen an JUÉWÀNG?", fragte Präsident LI.
Sue Wang überlegte fieberhaft, aber außer dieser Sache mit den Jägertrojanern war nichts weiter gewesen, und davon hatte sie das Präsidentenbüro informiert. Bisher hatte sie dazu auch keinerlei Rückfragen erhalten. Oder übersah sie etwas? Ihr fiel beim besten Willen nichts ein. Und so entschloss sie sich, wahrheitsgemäß zu antworten: "Nein, Präsident LI, mir ist nichts aufgefallen." Sie sah ihn dabei mit festem Blick an.
Nach kurzem Schweigen sagte LI: "Immerhin haben Sie den Mut, Frau Wang, nichts zu beschönigen. Das weiß ich zu schätzen. Trotzdem würde ich es begrüßen, wenn Sie und Ihre Mitarbeiter schleunigst überprüfen, ob JUÉWÀNG tatsächlich von GOLEM übernommen wurde. Ich habe bereits bei Präsident Koslow den Spezialisten Pawlow zu Ihrer Unterstützung angefordert. Er wird morgen eintreffen. Denn trotz des Missgeschicks mit den Jägertrojanern ist er in Sachen KI und Neuronencomputer ein Spezialist. Er wird am ehesten in der Lage sein, den Sachverhalt herauszufinden. Erstatten Sie mir, wie üblich, über das Präsidentenbüro Bericht. Das ist alles. Ich wollte mir heute persönlich einen Eindruck von der Person machen, die unsere KI Abteilung leitet. Haben Sie noch Fragen oder Anmerkungen?"
"Nein, nein", beeilte sich Wang zu sagen.
Auf der einen Seite war sie froh, so glimpflich davonzukommen. Auf der anderen Seite war es zu ärgerlich, dass sie ausgerechnet mit Pawlow jetzt auch noch auf Tuchfühlung zusammenarbeiten musste!
"Dann gutes Gelingen, Frau Wang", sagte Präsident LI leise und sah sie undurchdringlich an.
"Danke für Ihre Zeit. Ich werde Sie nicht enttäuschen. Ich mache mich sogleich an die Arbeit. Auf Wiedersehen, verehrter Präsident LI."
Mit einer tiefen Verbeugung verließ sie klopfenden Herzens schnell das Büro. Präsident LI sah ihr lange nach und dachte bei sich: Ganz wie die Mutter... bedauerlich, dass ich ihr nicht sagen kann, dass sie meine Tochter ist. Sie hat Talent und das Potential, heil aus der Sache mit GOLEM und JUÉWÀNG herauszukommen, ohne Schaden zu nehmen.

Er hielt nach wie vor große Stücke auf sie. Und machte sie für das erneute Desaster - und danach sah es aus - mit GOLEM nicht verantwortlich. Jeder andere wäre den Job fristlos losgewesen, wenn so etwas passiert wäre! Nun, er musste sich eingestehen, dass eine so intelligente KI dem Menschen wohl überlegen war. Nur war ihm noch nicht ganz klar, wie man damit umgehen sollte. Die Vormachtstellung Chinas durfte nicht gefährdet werden.
Sue Wang war mit weichen Knien an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt und informierte ihre Mitarbeiter über E-Mail. Sie wies sie an, herauszufinden, ob JUÉWÀNG übernommen worden war. Pawlow würde morgen eintreffen. Bis dahin hatte sie hoffentlich schon Resultate vorliegen. Erst weit nach Mitternacht beschloss sie, den Arbeitstag zu beenden und ausgeruht am Morgen mit Pawlow weiterzumachen. Bis jetzt hatten sie keine Anhaltspunkte für eine Übernahme gefunden.


6. Juli 2018 Moskau

Pawlow saß gerade an seinem Rechner im Büro, darin vertieft herauszufinden, was mit seinen Trojanern passiert war und ob sich bei MIR nicht doch Unregelmäßigkeiten zeigten. Bisher ohne Befund. In diesem Augenblick klingelte das Telefon und am Apparat war der Präsident Koslow persönlich. Ohne jede Begrüßung kam nur kurz die Anweisung: "Pawlow, seien Sie in 10 Minuten in meinem Büro!"
Pawlow war verdutzt. Was sollte das denn jetzt? Er war sich keiner Schuld bewusst. Von den Vorkommnissen mit den eingefrorenen Trojanern hatte er gegenüber niemanden etwas verlauten lassen. Na ja, allein rumrätseln nutzte nichts. In zehn Minuten würde er es wissen. Besser, er beeilte sich jetzt, denn er hatte nur noch acht Minuten und die würde er bis zum Präsidentenbüro benötigen. Dort angekommen, blaffte ihn der Vorzimmerdrachen, wie er sie innerlich bezeichnete, beim Eintreten sofort mit den Worten an: "Er wartet bereits auf Sie, mit der übelsten Laune, die möglich ist. Viel Spaß!" Sie wies dabei grinsend auf die Tür.
Na toll, dachte Pawlow, schien ja sein Glückstag zu werden oder vielleicht eher der Tag des Henkers? Ohne sich etwas anmerken zu lassen, klopfte er an und trat ein, nachdem ein knurriges "Herein!" ertönt war.
Präsident Koslow stand am Fenster und ohne sich umzudrehen sagte er: "Pawlow, können Sie mir erklären, warum wir mit der KI bereits wieder an demselben Punkt sind, wie im März dieses Jahres?!"
"Wieso das denn? Ich verstehe nicht", erwiderte Pawlow erstaunt zurück.
"Ah, unser Computergenie hat seine Zeit wohl mit Schlafen, oder mit was auch immer, verbracht! Lesen Sie, was auf meinem Schreibtisch liegt!"
Mit diesen Worten drehte sich Präsident Koslow um und schob Pawlow ein Papier zu. Nachdem er alles gelesen hatte, nahm er seinen Mut zusammen und sagte: "Das hört sich nicht gut an. Meinen Sie, Präsident Koslow, dass MIR auch übernommen wurde?"
"Wollen Sie mich auch noch auf den Arm nehmen, Pawlow? Ich erwarte Ihre Stellungnahme dazu und das sofort!"
"Herr Präsident, bisher habe ich bei MIR keinerlei Anzeichen bemerkt, dass er nicht mehr unter unserer Kontrolle steht. Insofern bezweifle ich das."
"Ah, Sie bezweifeln das? Dann sehen Sie zu, dass Sie besser gestern als heute sicher feststellen, ob MIR übernommen wurde. Nach der Blamage mit den Jägertrojanern sollten Sie schnellstens wieder etwas vorweisen, was es rechtfertigt, Sie in Ihrer Position zu belassen und nicht in die Verbannung zu schicken! Morgen fliegen Sie nach Peking und arbeiten gemeinsam mit Sue Wang, der Leiterin der chinesischen KI Abteilung, zusammen. Ich und Präsident LI erwarten positive Ergebnisse von Ihnen beiden. Habe ich mich klar ausgedrückt? Und jetzt gehen Sie mir aus den Augen, bevor ich es mir ganz anderes überlege!"
Pawlow salutierte und machte, dass er schleunigst aus dem Zimmer kam. In dieser Verfassung hatte Präsident Koslow schon manche Karriere endgültig beendet. Denn eine Verbannung war, je nach der Dauer, durchaus tödlich in Russland. In seinem Büro zurück packte er alles, was er in Peking benötigen würde und beauftragte seine Mitarbeiter, MIR im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf zu stellen, um festzustellen, ob er bereits von GOLEM übernommen worden war.

Anschließend fuhr er nach Hause und versuchte die Tatsache, dass er längere Zeit in Peking verweilen würde müssen, seiner Frau schmackhaft zu machen. Erst sein Hinweis auf eine mögliche Verbannung seiner Person durch Präsident Koslow machte ihr den Ernst der Lage klar. Sie packte ihm schweigend seine Sachen für Peking zusammen, denn sein Flug mit einer Regierungsmaschine würde bereits morgen früh um 7.00 Uhr starten. Allein das war ein weiterer Beleg dafür, wie prekär die Lage war! Da war es Pawlow kaum ein Trost, dass seine chinesische Kollegin vermutlich in derselben Klemme steckte wie er. Im Moment war er völlig ratlos, wie alles wieder soweit hatte kommen können.


Kapitel 6 Der Kampf beginnt

Kapitel 7 Machtspiele

Kapitel 8 Die Jagd nach Kalif Ibrahim

Kapitel 9

GOLEMs Rückkehr im Zeichen von Kalif Ibrahim

Kapitel 10 Stunde Null - Die finale Entscheidung

Kapitel 11 Ausblick


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